Der zweite Teil von Emilios Geschichte.
[Gastbeitrag] Unter meinem vorsichtigen Streicheln beruhigte sich Emilios Atmung, er schnurrte (obwohl Katzen auch unter enormen Schmerzen schnurren) und versuchte zu köpfeln.
Für unsere Entscheidung nahmen wir uns Zeit, Emilio schaute mich an, als wolle er sagen: „Mach nur, du entscheidest schon richtig, und ich werde mit allem einverstanden sein.“. Möglicherweise hat mich dieses Vertrauen auf mein Gefühl hören lassen. Sicher hatte ich auch in diesem Moment Zweifel. Fragen flogen durch meinen Kopf.
Wie soll ein stolzer Freigänger mit drei gelähmten Gliedmaßen leben?
Wie kann er sich fortbewegen? Würde er im Rudel mit seiner Erkrankung einen festen Platz und die so dringend notwendige Akzeptanz finden?
Wer einen Kampf gar nicht erst antritt, weiß doch gar nicht, ob er ihn möglicherweise gewonnen hätte. Klar, die Aussicht war denkbar schlecht, dennoch stand meine Entscheidung fest.. Fragend blickte ich meinen Mann an, der sagte: „Wenn du das durchziehst, stehe ich hinter dir“.
Für die Tierärztin war die Information eindeutig. Die Behandlung begann sofort mit dem Röntgen, dem Anlegen einer Infusion und dem Lagern auf einem Wärmebett. Die Tierärztin besprach mit uns die weitere Vorgehensweise. Eine Behandlung durch eine Spezialistin für Wirbelsäulenschäden war notwendig, die Tierärztin stellte den Kontakt zu Frau Dr. Sylvia Kinzel in Aachen her. Obwohl es ein Freitag war, kurz vor dem Wochenende, und eigentlich bei Dr. Kinzel keine Sprechstunde vorgesehen war, durften wir Emilio dort vorstellen.
In Aachen angelangt, fühlten wir uns augenblicklich gut aufgehoben. Den überaus menschlichen Umgang mit meinem Emilio kannte ich nur von meiner Haustierärztin, Frau Dr. Martina Schullenberg, ich hätte nicht gedacht, dass auch andere Tierärzte so einfühlsam sein können. Dr. Kinzel und Herr Dr. Alexander Schumacher sprachen Emilio auf sehr eindrucksvolle Weise direkt an, untersuchten und behandelten ihn wie ein verletztes Kind.
Dr. Kinzel stellte ihr enormes Fachwissen sofort unter Beweis. Eine kurze Untersuchung beider Augen veranlasste sie, die weitere Untersuchung sofort einzustellen.
Schweres Schädel-Hirn-Trauma…
„Ihr Kater braucht jetzt Ruhe, absolut keinen Stress, Dunkelheit und ständige Beaufsichtigung. Hoffentlich überlebt er das Wochenende, es sieht gar nicht gut aus!“.
Zur Unterstützung bekam Emilio noch einige Medikamente.
Nachdem Dr. Kinzel sich vergewissert hatte, dass eine ärztliche Betreuung für das Wochenende gesichert war, Fr. Dr. Schullenberg würde uns begleiten, entließ sie uns mit Hoffnung und guten Wünschen.
Im Rückblick muss ich feststellen, dass ich eine verdammt coole Haustierärztin (Dr. Schullenberg) habe, die ihren Beruf auch als Berufung sieht und sofort alles in die Wege geleitet hat, um Emilio bestmöglichst zu versorgen. Auch, wenn das hieß, dass sie uns nach ihrer regulären Sprechstunden und auch am Sonntag aufsuchen musste. Für den Notfall hinterließ sie uns ihre private Telefonnummer, unter der sie auch nachts für uns erreichbar war.
Auf dem Heimweg machte ich mir keinerlei Gedanken über die Zukunft, was uns erwartet, wie alles ausgeht. In dem Gedanken, kleine Schritte führen ans Ziel, ließ ich das Alles auf mich zukommen. Zudem überwog in diesem Moment die Freude, mein geliebtes Pelzgesicht Emilio wieder im Arm zu halten.
Zu Hause
Aus Emilo`s Sicht
Ich höre ein Klicken und Schließen. Endlich bin ich zu Hause, der Duft meiner Freunde ist unverkennbar. Ob sie mich wohl noch mögen?
Im Moment fühle ich mich nicht gerade gut und glaube, ich rieche auch ein wenig. Was höre ich da? Die Welpen der Zweibeiner. Die sind so leise, dass ich sie fast gar nicht wahrnehme, sehr merkwürdig.
Ich werde ins Wohnzimmer gebracht, wie schön, hier ist es warm und ich bin ganz nah bei meiner Familie. Wo ich wohl schlafen darf? Ich fühle mich schwach und bin unsagbar müde. Mein Körper tut weh und meine Augen sind auch ganz komisch. Mit dem Gucken, das klappt ja gar nicht richtig, wer hat mir denn da einen Schleier auf das Gesicht gelegt?
Es raschelt und ruckelt. Das hört sich an, als würde etwas über den Boden geschoben. Plötzlich spüre ich die zarten Hände meines Zweibeiners. Ganz vorsichtig hebt sie mich an und trägt mich zu dem weichen Sofa, auf dem ich sonst auch gerne liege. Viele weiche Tücher liegen unter mir, das fühlt sich gut an, mir fallen die Augen zu.
Aus meiner Sicht
Zu Hause angelangt stellte sich mir die Frage, wo ich Emilio am besten unterbringen kann, so dass er bequem liegt und ich ihn ständig in meiner Nähe haben kann, ohne andere Familienmitglieder zu stören. Das Wohnzimmer bot sich geradezu an.
Zentral gelegen und Mittelpunkt des Geschehens, so dass der soziale Kontakt zu Zwei- und Vierbeinern jederzeit gewährleistet war. Eine vollständige Isolation wäre für eine erfolgreiche Genesung Emilios nicht hilfreich gewesen, da Emilio immer fester Bezugspunkt seines Rudels war . Zudem war es sinnvoll, seine kätzische Familie, auf die veränderte Situation aufmerksam zu machen, denn ihre Reaktion auf das schwerverletzte Familienmitglied war sehr wichtig.
Unsere Couchgarnitur sollte die passende Lösung sein. Man konnte sie problemlos so zusammenstellen, dass eine große Liegefläche entstand. Die Lehnen sorgten dafür, dass sich Emilio nur innerhalb eines begrenzten Raumes aufhielt und er bei Bewegungen nicht runter fallen konnte. Eine Seite war für Emilio gedacht und die andere für mich. Zum Schutz hatte ich Emilios Liegeseite mit einer waschbaren Inkontinenzauflage bedeckt. Darauf legte ich Frotteehandtücher, die mit einer Lage Einmalauflagen versehen wurden.
Jetzt konnten wir gut vorbereitet in unsere erste Nacht starten. Emilio lag in seinem Transportkorb und war von den Vorbereitungen völlig unbeeindruckt. Die Erleichterung, sich endlich wieder in einer gewohnten Umgebung mit geliebten Lebewesen zu befinden, war ihm deutlich anzumerken.
Ganz vorsichtig hob ich meinen Kater aus dem Korb und legte ihn auf seinen Platz. Vorab hatte ich das Wohnzimmer abgedunkelt, meine Söhne waren vorab über die Situation informiert worden. Selten habe ich Teenager gesehen, die so emphatisch reagiert haben. Daniel und Alexander bewegten sich äußerst leise durch die Wohnung und verzichteten auf den Besuch von Freunden. Sie waren ohnehin durch das leidvolle Jahr 2011 seelisch gezeichnet. Am 06.07.2011 verstarb ihr geliebter Großvater. Der Mensch, der ihr Leben entscheidend mit geprägt hatte, der Beiden das Laufen beigebracht und die erste Liebe miterlebt hatte. Unsere 13 jährige Hündin Kira folgte Opa ein paar Wochen später. Und jetzt, jetzt stand schon wieder ein geliebtes Wesen auf der Schwelle zwischen Leben und Tod.
Wie gesagt, auf der Schwelle. Diesmal hatten wir die Chance einen Kampf zu führen, dessen Ergebnis nicht absehbar war. Manchmal fällt der Samen des Schicksals auf fruchtbaren Boden, warum sollte Emilio nicht davon profitieren. Wir waren mehr als bereit, mit Emilio diesen schweren Weg zu beschreiten. Zunächst war das Wochenende die Hürde, die zu bewältigen war. Emilio orientierte sich kurz, schnuffelte noch einmal und fiel dann in einen tiefen, hoffentlich erholsamen Schlaf. Nur das gelegentliche Zucken seines Oberkörpers ließ erkennen, dass er unterbewusst kämpfte. Was ging wohl in seinem Kopf vor. Ob er das Geschehene noch einmal erlebte, das Geräusch des Fahrzeuges, das bleibende Schäden verursachte. Die Angst vor der Nacht ohne Menschen und Rudel mit die Ungewissheit, den nächsten Tag erleben zu dürfen?
In der Nacht wachte er häufiger auf und erkundigte sich mit leisem Wimmern und Maunzen, ob sein Zweibeiner noch in der Nähe ist. Sobald ich meine Hand auf seinen Körper legte, schien er sich sofort zu beruhigen und schlief wieder ein. Nach der unruhigen Nacht, in der ich immer wieder zwischendurch schaute, ob mein Kater noch atmet, hieß ich den nächsten Morgen willkommen. Eine überstandene Nacht bedeutete ja auch einen weiteren Schritt ins Leben zurück!
Emilio war aufgewacht, die zahlreichen Prellungen sorgten jedoch dafür, dass er nur mühsam den Kopf heben konnte. Er schaute mir in die Augen und schien zu fragen: „Wie soll das jetzt mit mir weiter gehen?“ (962)
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Sitze hier auch mit dicken Tränen in den Augen…
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