Die Geschichte von Emilio IX

Der 9. Teil von Emilios Geschichte

[Gastbeitrag] Emilio war wieder fester, eigenständiger Bestandteil des Rudels. Das Rudel ist noch ein Thema für sich: Sein Rudel besteht aus sieben Gefährten. Auffallend war, dass sie ihm Ruhe gönnten, wo Ruhe angebracht war und ihn zum Spielen animierten, wenn er drohte, depressiv zu werden. Ist schon jemand auf den Gedanken gekommen, dass Tiere sich untereinander verständigen und genau wissen, intuitiv, was ein Rudelmitglied braucht?

Unsere Übermutter der Kompanie, Abby, fühlte sich in der Verantwortung, sobald Emilio keine Windel mehr trug. So, als wolle sie sagen: „Du siehst jetzt wieder aus wie eine richtige Katze, jetzt versorge ich dich auch!“ Von da an trug sie Lebendfutter für Emilio und den Rest des Rudels ins Haus. Bei der ersten Maus, die Abby vor Emilio fallen ließ, schaute er mich fast schon verlegen an: „Wie soll ich denn? Meine Zähne sind doch zerstört!“.

Ich darf verraten, dass die Maus überlebt hat, völlig durchnässt, aber am Leben. Durch die Zersplitterung seiner Zähne kann Emilio seinem Beutetrieb nicht mehr so recht nachkommen. Ertränken kann er die Tierchen allemal mit seinem Speichel, aber richtig Beißen geht eben nicht mehr.

Übermutter Abby war es auch, die ihn über die Katzenklappe nach draußen lockte. Als Emilio mich von außen darauf aufmerksam machte, wo er sich befand, war ich sehr aufgeregt und unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Aber was sollte passieren? Emilio konnte nicht springen, und der Garten war eingezäunt. Meine Fellnase machte sich weniger Gedanken darum, er nahm sein Leben trotz seiner Einschränkungen auf. So sollte das auch sein. Er genoss jeden Tag und seine Freunde unterstützten ihn, durch ihre Anwesenheit.

Aus Emilios Sicht

Der Garten sieht so toll aus und riecht so gut. Ich bin richtig glücklich.

Meine hinteren Beine sind noch ein wenig steif, aber das stört mich nicht.

Von meinen Gefährten habe ich gehört, dass in unserer Umgebung keine Katze lebt, die so komische, weiße Dinger am Po hatten. Auch hatte keiner aus der Katzengemeinde so häufig Kontakt mit den weißgekleideten Zweibeinern, die Einen manchmal pieksen und andere merkwürdige Sachen machen.

Aber, ich habe mich danach immer besser gefühlt, also können sie doch gar nicht so schlecht sein. Fremde Zweibeiner mag ich überhaupt nicht mehr, das war früher anders.

Da habe ich mir immer Streicheleinheiten und manchmal auch ein Leckerchen abgeholt. Das mache ich nicht mehr, denn ich habe große Angst. Diese großen Knatterdinger machen mir noch mehr Angst und deshalb verstecke ich mich immer.

Was ich richtig toll finde, meine Katzeneltern habe ich so richtig gut erzogen. Jaaaaaa, immer, dann wann ich mag, bekomme ich meine Schmusis. Wenn ich mich einsam fühle maunze ich in einem ganz besonderen Ton, dann kommt sofort ein Zweibeiner angerannt und nimmt sich meiner an. Ich habe ein tolles Leben und bin unendlich dankbar, das zeige ich meinen Lieben auch immer.

In meinem Rudel sieht das anders aus.

Die beiden Jungspunde haben nach der Kastration gedacht, dass ich zu schwach sei, meine Rangfolge bei zu behalten. Denen habe ich es gezeigt.

Ich habe zwar eine dolle Schramme am Kinn, aber ich bin immer noch stark, hinten wackelig wie eine Ente, aber vorne, vorne bin ich ein Tiger.

Aus meiner Sicht

Das emotional belastende Jahr 2011 hatten wir hinter uns gelassen.

Für das neue Jahr hatten wir uns umsetzbare Ziele gesteckt, die nach den Erfahrungen und Erfolgen im vergangenen Jahr sicher erreicht werden könnten. Jetzt hieß es, beide Ärztinnen der Spezialklinik in Erstaunen zu versetzen. Von Emilios enormer Entwicklung hatten sie ja nur ansatzweise gehört. In meinen Mails habe ich die gefilmten Fortschritte übermittelt, jetzt sollten sie sie selber begutachten…

Mit einem windellosen Emilio ging es in die Klinik. Es war wieder ein Termin mit beiden Ärztinnen vereinbart. Als Dr. Kinzel den Behandlungsraum betrat, konnte ich die Neuigkeit nicht für mich behalten: „Wissen Sie was? Emilio kann selbständig laufen und kommt ohne Windel sehr gut zurecht.“

Dr. Kinzel freute sich, schon fast ungläubig. So eine enorme gesundheitliche Veränderung innerhalb dieser kurzen Zeitspanne! Das ist schon sehr ungewöhnlich!

Ich bat um die Erlaubnis, diese Untersuchung filmen zu dürfen, meine Kamera legte ich bereit. Dr. Neumann betrat den Behandlungsraum. Emilio durfte zeigen, was für ein kleines (oder doch eher großes!) Wunder er vollbracht hatte. Beide Ärztinnen waren begeistert. Sie testeten die Schmerzreflexe, die zügig ausgelöst werden konnten. Die Nerven waren vollständig regeneriert.

Den linken Vorderlauf nahmen sie besonders ins Visier, da dieser den Eindruck vermittelte, nie verletzt gewesen zu sein.

Von einer Lähmung überhaupt keine Spur mehr.

Emilio konnte sich sogar mit beiden Vorderläufen an der Kante des Behandlungstisches hochziehen. Die Hinterläufe waren noch ein wenig beeinträchtigt, was ihn nicht daran hinderte, durch die Praxis zu humpeln.

Das macht einfach nur sprachlos.

Ein gelähmter Kater, der nach einem äußerst schweren Autounfall (überfahren worden, nicht nur angefahren!) innerhalb von nur 3 Monaten das Gehen wieder erlernt. Was bleibt, ist der Bruch des Brustwirbels, mein Pelzgesicht scheint das nicht zu stören, er hat sich mit seinem neuen Gangbild arrangiert.

Dr. Kinzel wagte die Prognose, dass Emilio in einigen Wochen vollständig genesen ist. Anfang Februar bekam Emilio eine Anabolikainjektion, da der Muskelaufbau im hinteren Bereich stagnierte.

Eine weitere Anabolikagabe wird folgen.
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Veröffentlicht von

Ich bin die Anika und verdiene meine Mäuschen als Texterin, Übersetzerin und Autorin mit Fokus auf grüne Themen. Katzen sind mein Spezialgebiet. Vielleicht ist mein Name dem ein oder anderen aus den Zeitschriften "Pfotenhieb" und "Geliebte Katze" ein Begriff. Ihr möchtet mehr über mich erfahren oder habt einen Auftrag für mich? Dann schaut doch mal unter textnatur.com vorbei.

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