Haltung und Erziehung Katzenhaltung

Interview: Katze mit Handicap

Heute folgt der nächste Teil unserer kleinen Interviewreihe. Heute kommen Halterinnen von Katzen mit Handicap zu Wort. Auch hier sind es, wie schon gewohnt, wieder zwei Teile, damit das Interview nicht so lang wird.

Haustiger: Ihr habt euch bewusst dafür entschieden, einer Katze mit Handicap ein neues Zuhause zu geben. Gab es dafür einen bestimmten Grund?

Nicole: Wir, also mein Mann und ich, sind schon lange im Tierschutz aktiv und Katzen sind unsere Leidenschaft. Insbesondere solche, die „nicht ganz einfach“ sind, weil sie zum Beispiel frei geboren sind. Unsere erste Handicapkatze, Sunny, wurde als Jungtier schwer verletzt gefunden und ein Bein musste amputiert werden. Als ich sie auf unserer Tierheimswebsite gesehen habe und die Beschreibung das Wort handscheu enthielt, dachte ich, das ist ein Fall für uns. Solche Katzen sind sehr sozial gegen andere Katzen, brauchen also Gesellschaft, und handscheue, „wilde“ Katzen sind nicht jedermanns Sache. Nach mittlerweile 6 Jahren lässt sich Sunny von uns immer noch nicht anfassen, was aber an einem tiefsitzenden Trauma liegt. Sie ist eine super Mitbewohnerin, aber alleine der Gedanke von einem Menschen angefasst zu werden ruft bei ihr Ekelherpes hervor. Das lässt darauf schließen, dass ihre Verletzung von einer Misshandlung stammt. Jedenfalls ist sie bei uns genau richtig, weil wir einen Garten haben, in dem sie nach Herzenslust herumtoben kann, und zwei Verehrer hat sie auch, und falls ich sie mal entwurmen muss oder so habe ich da meine Tricks. Unsere zweite Handycapkatze Maggie hat eine Kleinhirnataxie, ist aber ansonsten eine rechte Anfängerkatze. Auch sie genießt den Aufenthalt im behindertenausbruchssicheren Garten sehr. (Anm. d. Red.: Nicoles Tiere findet ihr unter ramsiundfreunde.de. Reinschauen lohnt sich!)

Tamar: Es war eher Zufall, dass wir auf die ersten beiden Handicap-Katzen (ein einäugiger Kater Mogli und eine Ataxiekatze Mishima) stießen. Ihre Behinderungen, über die wir uns dann informiert haben, haben uns nicht „abgeschreckt“. Meine Internetrecherche zum Thema „Ataxie bei Katzen“ führte mich zur Website des Vereins Feline Senses Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e.V. Was wir auf dieser Website über Ataxie bei Katzen, deren Haltungsbedingungen und an Erfahrungsberichten gelesen haben, hat uns schnell zu dem Schluss kommen lassen: Wenn die Katzen mit Ataxie gut leben können, dann können wir auch gut mit einer Ataxiekatze leben! Zwei weitere Ataxiekatzen (Elfie & Matou) folgten dann ein Jahr später.

Babs: Für uns ist eine Katze mit Behinderung eine „ganz normale“ Katze. Die Behinderung spielt keine Rolle, wichtig ist die Lebensfreude. Beobachtet man eine behinderte Katze so stellt man fest, sie akzeptiert sich wie sie ist. Das sollten wir Menschen auch tun.

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Haustiger: Woher stammt eure Katze?

Nicole: Sunny stammt aus dem Tierheim und Maggie von privat, sie wurde aber über einen Tierschutzverein vermittelt.

Tamar: Es sind insgesamt fünf Katzen aus dem Tierschutz. Drei Katzen stammen aus dem Berliner Tierheim (Mogli, Mishima und Mio) und zwei Ataxiekatzen (Elfie & Matou) haben wir als Notfälle nach einem Todesfall zunächst als Pflegekatzen aufgenommen. Die waren sie nur für etwa zwei Wochen. Dann waren sie an uns vermittelt. 😉

Babs: Unsere Katzen kommen aus Tierheimen: Sari stammt aus dem Frankfurter Katzenschutzverein und Shandra von Tiere in Not Odenwald.

©: Shandra von Babs / Sonne im Herz

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Haustiger: Warum gerade diese Katze?

Nicole: Sunny war eine Katze für fortgeschrittene Katzenhalter, die damit leben können, wenn sie ihre Katze nicht anfassen können. Also für uns. Ich habe vier Monate gewartet, ob sie vielleicht jemand anders nimmt, aber dem war nicht so, also ist sie bei uns eingezogen. Maggie geisterte als Notfall durchs Internet, als bei uns gerade ein Platz durch einen Todesfall freigeworden war. Und da wir unsere Katzen ganz genau kennen, wussten wir, dass ein junges soziales Katzenmädchen hier willkommen ist und haben sie hergeholt. Und sie hat sich wunderbar eingefügt.

Tamar: Ergibt sich in unserem Fall aus 1. und 5.

Babs: Beide haben es uns mit ihrer Lebensfreude und ihrem Lebenswillen angetan. Wir erleben sie als ganz besondere Wesen. Sie haben Sonne im Herzen.

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Haustiger: Welche Beeinträchtigung weist eure Katze auf?

Nicole: Sunny hat ein Bein verloren, Maggie hat eine Kleinhirnataxie.
Außerdem ist Sunny traumatisiert und lässt sich nicht anfassen. Beide können nicht wirklich hoch springen, aber ansonsten machen sie alles so wie die anderen auch. Insbesondere Maggie macht derzeit große Fortschritte in punkto Katzenklappen. Das klappt jeden Tag besser.

Tamar: Der einäugige Kater (Mogli) ist minimal beeinträchtigt. Von seiner blinden Seite muss man sich ihm vorsichtig und langsam nähern, damit er nicht erschrickt. Es gibt selten Situationen, in denen er seine Halbblindheit nicht richtig einschätzt und beispielsweise mit seiner blinden rechten Seite irgendwo gegen läuft. 

Mishimas Beeinträchtigungen durch ihre durch eine Katzenseucheinfektion im Mutterleib verursachte Ataxie sind innerhalb ihres ersten Lebensjahres zurückgegangen. Als Welpe konnte sie ihre Hinterbeine nicht aufrichten und hat diese hinter sich hergezogen. Zu dem Zeitpunkt, als wir sie mit 14 Wochen aufgenommen haben, konnte sie dank des intensiven Trainings im Tierheim bereits gut laufen. Der Gang war noch sehr staksig, ihre Sprünge sahen oft halsbrecherisch aus und waren nicht immer zielgenau. Ihre Landungen waren entsprechend hart. Auch hatte sie einen extremen Tremor. Heute sieht man auf den ersten Blick wenig von Mishimas Ataxie. Sie ist eine wahre Sprungkünstlerin geworden und klettert sehr gerne und gut. Je nach Tagesform sind ihre Hinterbeine mal etwas steifer und dadurch das Gangbild staksig. Mit ihrem Kopf wackelt Mishima nur noch wenn sie – positiv wie negativ – aufgeregt ist, beim Fressen und bei neuen Gerüchen.

Elfies Ataxie ist verletzungsbedingt. Sie hat ein „kurvenreiches“ Gangbild, läuft manchmal eher seitwärts oder nimmt plötzlich eine ungewollte Richtungsänderung ein, weil sie sich um 180° gedreht hat. Elfie lässt sich davon aber nicht nehmen, zu klettern und zu springen. Ihr sind zwar Grenzen gesetzt, die sie aber beharrlich zu überschreiten versucht – einige Hürden konnte sie aufgrund ihres eisernen Willens und durch Training und Geduld mit Erfolg nehmen.

Matou ist zu Beginn häufig umgefallen, sein Gangbild ist sehr staksig, da seine Hinterbeine sehr steif sind. Außerdem hat er einen leichten Tremor und Nystagamus. Klettern und Springen waren zu Beginn kaum möglich. Sofa und Bett konnte er nur über eine Kletterhilfe erreichen. Inzwischen läuft Matou zwar immer noch staksig und fällt kaum noch um. Matou ist nun in der Lage, sich an der Couch hochzuziehen. Mit dieser Technik erreicht er auch die ersten beiden Ebenen des Kratzbaumes.

Babs: Sari hat Ataxie (eine Störung der Bewegungskoordination), Spastiken und Epilepsie, Shandra Ataxie.

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Haustiger: Wie seid ihr auf eure Katze aufmerksam geworden?

Nicole: Tierheimswebsite bzw. in einem Forum.

Tamar: Auf Mogli und Mishima sind wir bei unserer Suche nach zwei Katzen auf der Website des Berliner Tierheims aufmerksam geworden. Ich muss gestehen, dass es Mishimas Optik war, die meine Aufmerksamkeit erregt hat – sie ist ein Kartäuser-Mix. Aber auch der Blick des damals nur wenige Wochen alten einäugigen Mogli hat mich sofort gefesselt. Der kleine Kater schaute genau in die Kamera und mir sozusagen ins Herz. Die beiden musste ich persönlich kennen lernen!

Auf Elfie und Matou wurde ich im Ataxiekatzenforum aufmerksam. Auf Elfie gleich zwei mal, denn sie war dort im Sommer 2011 unter der Rubrik „Zuhause gesucht“ eingestellt. Die Geschichte ihres jungen Lebens hatte mich gleich fasziniert. Elfie zog recht schnell bei einer Forenuserin ein, der Halterin von Matou. Diese starb leider im September 2011 plötzlich. Nun wurde ich auf den Notruf im Ataxiekatzenforum aufmerksam. Denn nicht nur Elfie und Matou waren in akuter Not sondern auch zwei weitere Ataxiekater, die das Forenmmitglied als Pflegestelle betreut hat. An dem Tag, an dem mein Mann und ich von dem Notfall Kenntnis hatten, sind wir kurzerhand von Berlin nach NRW gefahren, um die vier Katzen aus der Wohnung der Verstorbenen zu holen und sie somit vor der durch die Tierauffangstation für den nächsten Tag angekündigte Euthanasie zu bewahren. Innerhalb weniger Stunden wurde durch eine handvoll engagierter Forenuser eine zweite Pflegestelle für die beiden Kater gefunden.

Babs: Sari ist mir bei meiner ehrenamtlichen Tätigkeiten im Frankfurter Katzenschutzverein aufgefallen. Sie hat mich sofort fasziniert und ist der Grundstein unserer Vereinsarbeit. Ich empfand und empfinde noch heute Bewunderung und Respekt für sie. Durch unsere Arbeit für die Ataxiekatzen lernte ich später Shandra kennen. Auch sie bestach sofort mit ihrer unglaublichen Lebensfreude.

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Haustiger: Wie müssen sich Interessierte das Leben mit einer „Handicat“ vorstellen? Ist die Haltung mit größerem Aufwand und Kosten verbunden? Ist das für Menschen, die Vollzeit berufstätig sind überhaupt zu schaffen?

Nicole: Da ich und mein Mann beide vollzeitberufstätig sind und außer den 6 Katzen auch noch ein großes Haus und eine Schildkrötenauffangstation betreiben, offenbar ja . Im Ernst, es kommt auf die Behinderung an. Ein Dreibein stellt gar keine besonderen Ansprüche an die Zeit. Sunny möchte gerne dreimal täglich in den Garten gelassen werden, das schaffe ich gerade noch. Und Maggie muss beim Spaziergang im Garten beaufsichtigt werden oder man spielt mal eine halbe Stunde mit ihr. Sie ist halt jung und möchte gerne beschäftigt werden. Dadurch, dass sie sich viel bewegt, verursacht sie eher weniger Arbeit als andere Ataxisten, da sie zum Beispiel das Katzenklo benutzt wie eine normale Katze und sich nicht beschmutzt. Sie trainiert sich selbst.

Tamar: „Handicats“ beeindrucken mich sehr. Sie wollen kein Mitleid! Sie nehmen sich so, wie sie sind, sie leben ihr Leben mit großer Freude und haben eine ganz besondere Ausstrahlung. Keine meiner Katzen möchte ich missen! 

(Zeit)Aufwand und Kosten sind sicherlich in manchen Bereichen höher. So benötigen wir beispielsweise seit dem Einzug von Elfie regelmäßig Inkontinenzmatten zur Reduzierung von Toilettenunfällen. Um den Alltag der Ataxiekatzen barrierefrei zu gestalten, waren einige zusätzliche Anschaffungen nötig. Die Lebensfreude, die die Ataxiekatzen ausstrahlen und ihr Wille, dazu zu lernen und ihre Fähigkeiten zu verbessern, sind ein so schönes Geschenk, dass es alles wett macht, was man einsetzt. 

Wir ziehen noch heute aus den Informationen des Vereins Feline Senses Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e. V. und dem Erfahrungsaustausch in dem Ataxiekatzenforum des Vereins großen Nutzen – und damit auch unsere Ataxisten. 

Auch als Vollzeitberufstätiger kann man durchaus einer Ataxiekatze gerecht werden. Es setzt aber voraus, sich im Vorfeld intensiv zu informieren, dann die Bereitschaft dazu zu lernen und Tipps zum Wohl der Katze umzusetzen. Geduld und Verständnis sind wichtig – die sind für jeden Katzenhalter Grundvoraussetzung, aber besonders auch für Halter von „Handicats“. Man sollte sich soviel Zeit wie möglich nehmen, seine Katze genau kennen zu lernen und sie ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten entsprechend zu fördern und zu fordern.

Babs: Kommt wie auch bei nicht behinderten Tieren keine ernsthafte Erkrankung hinzu, ist die Haltung nicht zwingend mit Mehrkosten verbunden. Der mögliche Mehraufwand hängt von der Ausprägung der Symptome und den Eigenheiten der „Handicat“ ab. Umfeldanpassungen dienen in erster Linie der Sicherheit. Viele Ataxisten können erhöhte Plätze durch Klettern erreichen, haben jedoch Probleme beim Abstieg. Daher sollten Kratzbäume nicht zu hoch oder wie auch Treppen speziell abgesichert sein. Erhöhte Plätze wie Sofa, Bett und Fensterbänke lassen sich am Boden weich auskleiden, damit es beim Abstieg nicht zu Verletzungen kommt. Unsere Sari kann zum Beispiel die dritte Dimension kaum nutzen, während Shandra über das Sofa sogar die Fensterbank erklimmt. Darüber hinaus sollten Ataxiekatzen keinen ungesicherten Freigang erhalten. Den Komfort steigern erhöhte Futternäpfe und individuelle Toilettenlösung. Maßgeschneiderte Lösungen sind in der Regel mit etwas Kreativität mit vorhandenen Dingen leicht umsetzbar. Die Zeit der täglichen Spieleinheiten und des Trainings mit Koordinations- und Konzentrationsübungen sehe ich nicht als Mehraufwand an, da auch eine „gesunden“ Katze bespielt und beschäftigt werden möchte. Je nach Ausprägung der Ataxie ist es daher auch für einen berufstätigen Halter möglich, einem solchen Kätzchen ein Zuhause zu bieten – aber bitte nicht in Einzelhaltung.

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Haustiger: Was sollten Interessierte eurer Meinung nach berücksichtigen, wenn sie sich für eine Katze mit Handicap interessieren?

Nicole: Sie sollten sich bei Leuten erkundigen, die sich wirklich damit auskennen. Zum Beispiel im Handycatforum. Eine Katze die aufgrund einer Querschnittslähmung inkontinent ist etc. ist eine komplett andere Baustelle als eine Katze, die taub ist. Handycat ist also nicht gleich Handycat.
Im ersten Fall ist die Haltung sehr arbeitsintensiv, im zweiten Fall nicht, dafür kann man eine taube Katze nicht in einer Mietwohnung halten weil sie teilweise sehr laut miauen.

Tamar: Zunächst sollten sie sich über ihre Motivation klar werden, warum sie eine Katze mit Handicap aufnehmen. Es ist heute leider oftmals einfach „chic“ ein behindertes Tier aufzunehmen. Pures Mitleid reicht ebenfalls nicht als Motivation aus. Im Gegenteil: Handicats wollen kein Mitleid!

Sie sollten sich fragen, ob sie bereit sind, auf die Katze einzulassen und ihr individuell gerecht zu werden. 

Vor der Aufnahme einer „Handicat“ fachkundige Informationen einzuholen und anzuwenden halte ich für unerlässlich.

Babs: Auch eine Katze mit Handicap sollte einen Artgenossen an der Seite haben, dazu genügend Zeit für gemeinsames Spielen, Trainieren und Kuscheln. Der zukünftige Halter sollte ausreichend Geduld mitbringen, wenn es durch die Behinderung zu kleinen oder auch mal größeren Zwischenfällen wie futterverschmierten Katzengesichtern oder Toilettenunfällen kommt. Mitleid darf nicht die Motivation zur Adoption sein, so wird weder die Katze noch der Halter glücklich werden. Es sollte sich im Vorfeld über die individuellen Bedürfnisse informiert werden, die der Grad der Behinderung mit sich bringt.

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Hausstiger: Wie verläuft das Zusammenleben mit „normalen“ Katzen? Ist das problemlos möglich oder kommt es zu Schwierigkeiten? Wie sind eure Erfahrungen?

Nicole: Das Zusammenleben mit den normalen Katzen verläuft völlig problemlos nach einer Eingewöhnungsphase. Sogar die taube Omikatze, die wir mal hatten, hat sehr viel Respekt genossen (da sind Katzen etwas dusselig – die sehen keinen Unterschied, ob jemand taub ist oder cool und selbstbewusst. Wenn jemand nicht schreckhaft ist, hat er Respekt.) Unseren normalen Katzen ist eine Handycat allemal lieber als eine Katzenmami mit 6 Babys, was bei uns auch schon gepflegt wurde. Die Haltung unserer beiden sprungbehinderten Mädels hat sogar Vorteile. Und zwar haben wir eine Katze, die Minnie, die ist nicht gehandicappt aber nicht besonders beliebt bei anderen Katzen. Sie flüchtet schnell und andere Katzen nutzen das teilweise aus. Minnie bewohnt das „Dachgeschoss“ unseres Wintergartens, das ist ihr Platz. Sie hat dort oben ein Liegebrett, wo sie schläft. Unsere Ataxistin Maggie konnte ich holen und sie auch mit der zickigen Minnie vergesellschaften, weil ich wusste, dass Maggie niemals in Minnies Kern- und Ruherevier eindringen kann. Dafür muss man schon sehr gut zu Fuß sein. Und wenn man so einen Konflikt direkt vermeidet, dann kommt es gar nicht erst zu unschönen Zusammenstößen zwischen den Tieren und die Vergesellschaftung ist einfacher. Oben erwähnte Katzenmami hat mit ihren 6 Babys regelrechte Paraden durch Minnies Ruheraum veranstaltet, das war natürlich eine Zumutung für Minnie.

Tamar: Für Ataxiekatzen gesprochen halte ich das Zusammenleben mit einer nichtbehinderten Katze für unerlässlich. Mishima hat unheimlich von Mogli profitiert. Von seiner Halbblindheit abgesehen ist er eine „normale“ Katze. Sie hat sich von seiner Motorik, seinen Spiel-, Kletter und Sprungmethoden unheimlich viel abgeschaut. Matou kannte nur „Wackelkatzen“ und war die erste Zeit sichtlich baff, wie komisch sich – für seine Begriffe – Katzen bewegen können. Er hat die erste Zeit oft ganz still da gesessen und einfach nur beobachtet, wie Mogli und Mio rennen, springen, klettern und spielen. Seine Fortschritte führe ich unter anderem auch auf das Zusammenleben mit Nicht-Ataxisten zurück. 

Im Großen und Ganzen ist das Zusammenleben unserer Katzen sehr harmonisch und entspannt. Kleinere Schwierigkeiten gibt es auch, diese aber eher ausgelöst durch Missverständnisse. Matou hat manchmal die Feinmotorik eines Panzers und verursacht Laufgeräusche wie ein stampfender Jungbulle. Das löst gelegentlich bei den Nicht-Ataxisten Irritationen aus und führt zu kleineren Angriffen oder panischem Weglaufen, wenn Matou ihnen besonders breitbeinig und laut entgegen stampft. Hinzukommt, dass Elfie und Matou beim Laufen sehr intensiv ihren Schwanz gebrauchen, um das Gleichgewicht zu halten. Auch das kann missverstanden werden. Die Nicht-Ataxisten gewöhnen sich aber auch zunehmend an die kleinen Besonderheiten ihrer behinderten Artgenossen.

Babs: Unsere Ataxisten leben harmonisch mit den „gesunden“ Katzen zusammen. Entscheidend sind dabei die Charaktere der beteiligten Katzen. Ataxisten haben wir als sehr gesellige Tiere erlebt. Auf jeden Fall bringt die Gesellschaft von gesunden Katzen sogar positive Lern- und Trainingseffekte mit sich. Zusammenfassend können wir sagen, Ataxiekatzen profitieren vom Zusammenleben mit ihren Artgenossen.

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Haustiger: Könnt ihr kurz beschreiben, wie die Vermittlung vom Erstkontakt bis zum Einzug bei euch abgelaufen ist?

Nicole: Da wir wie gesagt schon lange im Tierschutz aktiv sind, im Tierschutzverein Aachen, musste ich in punkto Sunny nur ins Heim gehen und sagen : die Katze hätte ich gerne. In punkto Maggie, die ja von einem anderen Verein vermittelt wurde, erfolgte bei uns zu Hause eine Vorkontrolle. Nachdem die grünes Licht ergeben hatte, konnte Maggie auch schon einziehen. Da der Transport erst organisiert werden musste, sie kam eine weite Strecke per Mitfahrzentrale, hatten wir etwas Zeit um das Haus so zu gestalten, dass eine „Wackelkatze“ keinen Gefahren ausgesetzt ist. Dies hieß insbesondere den Boden unter den Kratzbäumen zu polstern und sämtliche Treppen entweder unzugänglich zu machen oder Maggiesicher. Eine Rampe haben wir zum Beispiel gebaut, damit sie problemlos zum Futter kommt. Diese wurde auch sofort angenommen.

Tamar: Einen Tag nachdem ich das Internetgesuch von Mishima und Mogli gesehen und mich auf der Feline Senses-Website über Ataxie informiert habe, rief ich im Berliner Tierheim an und sprach lange mit der Pflegerin, die sich hauptsächlich um die beiden gekümmert hat. Zwei Stunden später haben wir die beiden im Tierheim besucht. Eine Woche lang wurden Mogli und Mishima noch im Tierheim wegen des Katzenschnupfens behandelt. In dieser Zeit konnten wir alles für ihren Einzug vorbereiten.

Babs: Auf den Tag genau eine Woche nachdem ich Sari zum ersten Mal gesehen hatte, zog sie auch schon bei uns ein. Große Vorbereitungen blieben uns erspart, da zu dem Zeitpunkt bereits zwei Stubentiger bei uns lebten. Angesichts unserer Arbeit im Frankfurter Katzenschutzverein gab es außer dem Übernahmevertrag keine der sonst üblichen Kontrollen. Bei Shandra entfiel die Vorkontrolle, da sich die Vermittlerin einige Wochen zuvor bei Kuchen und Kaffee uns und Sari kennen lernte und sich über Ataxie bei Katzen informierte. Wir haben Shandra gesehen, uns für sie entschieden, ihr ausreichend Zeit mit ihrer Mutter gegeben und dann durfte sie auch schon umziehen.

&copy: Sari und Shandra von Babs / Sonne im Herz

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Haustiger: Kritikern sprechen Katzen mit Handicap (je nach Grad der Beeinträchtigung) oft Lebensqualität ab und verstehen nicht, warum man sich a) eine „Handicat“ ins Haus holt und keine „normale“ Katze oder b) warum man solche Katzen nicht erlösen lässt. Seid ihr schon einmal mit solcher Kritik konfrontiert worden? Wenn ja, wie geht ihr damit um?

Nicole: Ich schlage den Leuten jeweils vor, falls sie einmal ein Bein verlieren, sie umgehend einzuschläfern.

Tamar: Persönlich bin ich bislang nicht direkt mit solcher Kritik konfrontiert worden. Solchen Kritikern unterstelle ich, dass sie sich noch nie mit „Handicats“ befasst haben, noch keine behinderte Katze wirklich kennen gelernt haben und sich vielleicht auch gar nicht unvoreingenommen mit diesem Thema auseinander setzen möchten. 

Viele in meinem Familien- und Freundeskreis haben bei uns das erste Mal eine behinderte Katze kennen gelernt. Häufig schlägt unseren Katzen erst einmal Mitleid entgegen („Der Arme hat ja nur ein Auge!“, „Och, wie die arme Katze läuft!“, „Hat sie denn keine Schmerzen?“, „Wird die Katze nicht von den anderen gemobbt?“). Doch je länger sie beobachtet werden, Schöße geentert, Spiel- und Kletterkünste ohne vorherige Aufforderung vorgeführt wurden, um so mehr Respekt und Achtung erhalten sie. Die Lebensfreude und Zufriedenheit, die unsere Katzen ausstrahlen, springt einfach über.

Babs: Es ist richtig, leider werden nach wie vor viele der scheinbar „schwerbehinderten“ Katzen von ihrem vermeintlichen Leiden bereits im Kittenalter „erlöst“. Ursache ist eine weit verbreitete Unkenntnis über diese Behinderung. Durch die Aufklärungsarbeit unseres Vereins „Feline Senses – Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e.V.“ rückt das Thema Ataxie bei Katzen immer weiter in die Öffentlichkeit. Mittlerweile interessieren sich Tierärzte für das Thema und immer mehr Menschen können sich ein Leben mit einem Ataxisten an ihrer Seite vorstellen.

Wir sind überzeugt von der Lebensfreude. Zumal Katzen mit Ataxie bei artgerechter Haltung nicht unter ihrer Behinderung leiden. Ganz im Gegenteil: Eine Ataxiekatze kann ein langes und vor allem schönes Leben mit nur wenigen Einschränkungen haben. Es sind eher die Menschen, die ein Problem mit dieser Behinderung haben, nicht die Katzen selbst.

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Haustiger: Würdet ihr euch wieder für eine Katze mit Handicap entscheiden?

Nicole: Aber auf jeden Fall. Zumal es normalerweise anders geht im Leben : man übernimmt eine gesunde Katze, und die wird dann älter und ist nicht mehr ganz frisch. Auch Handycaps können sich mit der Zeit einstellen.

Tamar: Unserem noch jungen Quintett wünsche ich ein langes Leben, so dass sich die Frage nach einem Neuzugang mittelfristig nicht stellt. Nach unseren bisherigen persönlichen Erfahrungen und den Berichten über andere Handicap-Katzen, die ich beispielsweise im Ataxiekatzenforum mitverfolge, würde ich mich jederzeit wieder für eine Katze mit Handicap entscheiden.

Babs: Ja, auf jeden Fall! Wir können viel von Katzen lernen, besonders von Katzen mit Ataxie. Sie lieben ihr Leben und mögen sich so wie sie sind. Mitleid braucht man somit keines zu haben.

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Haustiger: Möchtet ihr unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Nicole: Ein behindertes Tier kann einem die Augen öffnen darüber, dass wir Zweibeiner sehr viel herumjammern wegen objektiv : gar nichts, während Tiere, die aus unserer Sicht Grund zum Jammern hätten, sich einfach nur des Lebens erfreuen. Und Lebensfreude kann ansteckend wirken !

Tamar: In Anlehnung des bekannten Spruches von Colette möchte ich den Lesern mit auf den Weg geben: Wer sich mit einer Ataxiekatze oder einer anderweitig behinderten Katze einlässt, riskiert lediglich, bereichert zu werden. Informiert Euch gründlich über die Behinderung, seid bereit, Euch auf die Katze einzulassen und Ihr könnt viel über Lebens- und Lernwillen sowie vorgelebte Lebensfreude trotz Handicap lernen!

Babs: Niemand braucht Angst davor zu haben, eine Katze mit Ataxie bei sich aufzunehmen. Sie wollen wie ganz normale Katzen behandelt werden. Sie sind nichts für „Mitleid“. Ataxiekatzen müssen nicht „gerettet“ werden, sondern wollen wie jede andere Katzen geliebt und verwöhnt werden. Gerade Ataxisten sind unheimlich liebe Tiere mit eigenem Charakter. Bekommen sie eine Chance in ihrem neuen Zuhause danken sie es mit ihrer unglaublichen Lebensfreude und überraschen ihren Halter mit immer neuen kleinen Fortschritten. Ataxisten haben eben Sonne im Herzen.

Unser Verein „Feline Senses – Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e. V.“ steht gern mit Rat und Tat zur Seite und gibt Hilfestellung zur artgerechten Haltung.

Feline Senses – Lebensfreude für Katzen mit Ataxie e.V. : http://www.ataxiekatzen.de
Ataxiekatzenforum: http://forum.ataxiekatzen.info/
Ataxiekatzen-Notfellchen: http://ataxiekatzen.blogspot.de/

Vielen Dank Nicole, Tamar und Babs, dass ihr meine Fragen so ausführlich beantwortet habt!

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  1. Ich finde es bewundernswert sich ein Katze mit Handycap ins Haus zu holen. Diese Tiere haben eine Chance verdient. Ich finde klasse was alle deine heutigen Interviewpartner leisten.

  2. Ich finde es wirklich sehr beeindruckend, wie ihr Euer Wissen erweitert habt, ich bin sicher, daß dies ein ganzes Stück Arbeit war und noch beeindruckender finde ich daß ihr dies auch weitergebt. Man merkt, daß Euch nicht nur Eure Vier- oder Dreibeiner am Herzen liegen sondern Handicats generell.
    Der Satz von Babs „sie akzeptiert sich wie sie ist. Das sollten wir Menschen auch tun“ hat mich am meisten berührt.
    Merken nicht gehandicapte Katzen eigentlich daß die Ataxiekatze besondere Pflege benötigt und gehen automatisch sorgsamer mit ihnen um? Ich denke da gerade an meine 2 „Kloppbolze“, die sich ständig raufen – nicht bösartig, aber gequiekt wird doch ganz schön und die immer die vorsichtige Lucy jagen. Bei denen wäre eine Ataxiekatze sicher fehl am Platze, oder?
    Danke Anika, war wirklich eine grandiose Idee mit der Interviewreihe.
    LG Silke

  3. Viel mehr Menschen sollten ermutigt werden, eine Katze mit Handicap aufzunehmen, weil die mindestens genau so viel zu geben haben, wie jede gesunde Katze.

    Außerdem können sich die Behinderungen bei liebevoller Betreuung oft noch beträchtlich verringern, wie im Interview auch erwähnt wurde.

    Eine besonders mutmachende Geschichte erzählt dazu das Buch: Vom Po-Rutscher zum Mäusefänger…
    Dazu gibt es bei youtube kleine Filmchen, die dokumentieren wie der kleine Bernard wieder laufen lernte. Einfach bei youtube den Titel des Buchs eingeben und sich mitfreuen…

  4. Ich habe sehr viel Respekt vor Leuten, welchen mit Handicap-Katzen (und Hunden) zusammenleben. Ich weiß aber nicht, und vielleicht ist da doch noch Spur Unkenntnis und vielleicht auch Unsicherheit ;), ob ich dies als berufstätige Menschheit meistern könnte.

    Ich bin damals ja mit Luna-Cat in Kontakt getreten. Dafür habe ich dann im Shop gebastelt und eine Patenschaft übernommen. Ich bin der Meinung, dass Luna damals bereits so einen kleinen Weg geöffnet hat, was die Ansicht über Handicap-Katzen angeht.

    Handicap Tiere strahlen so eine Lebensfreude aus, da sollten wir Menschen uns ein Beispiel dran nehmen 😉

    LG
    Marlene

  5. Hallo liebe Silke,

    bei unseren Ataxisten, Sari und Shandra, zeigt sich nicht nur die Ataxie ganz unterschiedlich, auch ihre Charaktereigenschaften sind sehr individuell. Sari mag keine wilden „Raufspiele“ und geht diesen bevorzugt aus dem Weg. Shandra hingegen fordert sogar unseren großen Kater zu genau solchen Raufspielen auf. Ich bin der Meinung, dass einfach die Charaktere der Katzen passen müssen – egal ob es eine „gesunde“ – oder eine Katze mit Handicap ist. Unser Kater ist übrigens schon ein wilder „Raufbold“ aber Shandra kann ihn übertreffen, trotz Ataxie.

    Viele liebe Grüße 🙂

  6. Vielen lieben Dank für die Antwort! Also kann man ganz einfach sagen, daß die Charakterzüge sich nicht ändern und man den Ataxie-Raufbold ruhig auf den Power-Kater loslassen kann, weil sonst der Ataxie-Raufbold unterfordert wäre? 😉 Und daß sich die Charaktereigenschaften der Handicats nicht von denen der anderen unterscheiden, man also beide in einen Topf stecken kann und den ganz normalen „Richtlinien“ für eine Katzenvermittlung folgen kann was das „zusammen passen“ angeht?
    LG Silke

  7. Natürlich ist das abhängig von der Art und dem Ausmaß der Behinderung, ob man sich für eine solche Katze entscheidet, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist.

    Diese und ähnliche Entscheidungen müssen ja auch bei gesunden Katzen getroffen werden.

    http://www.das-wasser-des-lebens.eu/10.html

  8. Hallo Silke,

    wie so oft spielen mehrere Faktoren eine Rolle. 🙂
    Es muss Charakterlich passen – egal ob mit oder ohne Ataxie. Nicht jede Katze schätzt eine „Raufboldkatze“ an ihrer Seite. Ebenso ist aber auch der Grad der Behinderung zu berücksichtigen. Sari z.B. kann sich durch ihre körperlichen Einschränkungen einem Raufbold nicht standhalten und wäre ganz klar im Nachteil. Zudem spielt sie mit anderen Katzen lieber „Fangen“ und ist kein Freund von Raufspielen. Andere Katzen mit Ataxie wäre vielleicht körperlich in der Lage wilde Spiele zu spielen – schätzen solche Spiele jedoch Charakterlich nicht.

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