Mutmachgeschichten

Jinpa. Oder: Wenn es ganz anders läuft als gedacht. Unsere Mutmachgeschichte Nr. 7

Es ist wieder Montag und damit auch wieder Zeit für unsere Mutmachgeschichte. Heute erzählt uns Silke Jinpas Geschichte.

 

Jinpas Geschichte

 

 

Wenn man ziemlich tief im Katzengeschehen verwurzelt ist, einen Blog hat, die meisten Bekannten von einem „miezisch“ verstehen und die Timeline voll mit Katzenbildern ist, dann möchte man auch mal mehr tun als nur 3 gesunde Katzenrabauken zu beschäftigen.

Weil man in der Ernährung ganz gut bewandert ist, möchte man zum Beispiel die 10 kg schwere Annabelle zu sich nehmen und ihr beim Abspecken helfen. Und wenn das mit der nicht klappt, dann klickt man auf die ganzen blinden Katzen, die ganzen Dreibeinchen, die kranken Katzen, aber nur mal so halt, zum gucken.

Manchmal guckt man länger, bekommt ein Gefühl dafür dass man „oh nee, täglich Spritzen setzen bei Diabetes und Blutzucker messen…neeee….das könnte ich nicht. Uhhh, und Epilepsie. Das wäre ja der Horror.

Irgendwann schickte mir die Chefredakteurin von  Haustiger einen Link zu einer Ataxiekatze. Direkt in der Stadt nebenan.

Soll weg. Macht den Haufen nicht ins Klo.

Der kleine Kerl tat mir echt leid, obwohl ich finde, dass Mitleid ein echt schlechter Motivator für eine Adoption ist. Was nach dem Mitleid noch übrig ist weiß man vorher nicht. Aber süß sah er aus, so ein wacher und starker Blick. Ein Kämpfer.

Ich informierte mich und neben den ganzen „uhh, das könnte ich nicht“ (die Pflege einer inkontinenten Katze gewährleisten z. B.) gab es aber auch genug, wo ich gar kein Problem drin sah. Das Endergebnis für den potentiellen Neuzugang lautete dann: „Kater an sich ist total normal, nur der läuft halt anders und benötigt eine behindertengerechte Einrichtung.“

Videos hatte ich mir auch genug angeguckt, mit dem Gang hatte ich kein Problem. Es gab Katzen mit Echsengang, Pinguingang, Entengang, Zinnsoldatengang und vielen anderen. Einige konnten 5 Schritte laufen und fielen dann zur Seite. Einige konnten 10 Schritte laufen. Manche bekamen nur 3 hin und wieder andere haben irgendwie alle Gänge miteinander vereint. So auch „Chep“ wie er damals hieß.

Ich entschied mich, ihn zu uns zu nehmen. Meine 3 Katzen sind sehr sozial, Platz ist genug vorhanden, ich habe keine großen Schwierigkeiten gesehen. Die behindertengerechten Katzensachen wie neues riesiges Klo, in dem er im Liegen machen kann, erhöhter Napf, Aufstieg für die Couch und ein kleiner Kittenkratzbaum wurden alle neu angeschafft.

Als „Jinpa“ zog er dann bei uns ein. Neuer Name, neues Glück. Die ersten zwei Tage waren echt schwierig, weil er die anderen Katzen jedes Mal ziemlich hysterisch anjaulte, sobald sie mal an ihm schnuppern wollten und ich die Woche vorher schon wegen einer anstrengenden Bereitschaftswoche kaum geschlafen hatte und sich das auch am Wochenende nicht änderte, wegen der neuen Akustikbeschallung in der Nacht. Entweder war es jaulen oder ein „Poltergeist“ unter dem Bett, der mit seinem Rücken immer gegen die Bettlatten und alles andere polterte.

Ich dachte schon das packen meine Nerven nicht, 5 Nächte mit wenig Schlaf sind schon eine harte Nummer, aber dann ließ es plötzlich abrupt nach. Man verteilte jetzt auch schon mal ein „Nasinasi“, suchte sich entspanntere Liegeplätze und das neue B.A.R.F. schmeckte auch, nachdem er das altbekannte hier nicht futtern wollte.

In der Anfangsphase bestand auch die Notwendigkeit, einen Jahresvorrat an Enzymreinigern wie Biodor anzulegen, denn auch kleinere Pipiunfälle gehören zu einer behinderten Katze mit schwerer Ataxie dazu. Aber nachdem auch zwei Blasenentzündungen ausgestanden waren, die Toilettengänge mit etwas Training ganz schön zielsicher wurden,  folgte eine relativ entspannte und ruhige Zeit bis zu dem Abend ca. 2 Jahre später, an dem er krampfend und jankend auf dem Boden lag und stoßweise Urin verspritzte. Ich kannte so etwas nur aus Beschreibungen und das musste ein Epilepsieanfall sein.

Dabei fiel mir alles ein, was ich dazu jemals gelesen habe und was ich immer so furchtbar schlimm fand, wie die Katze, die sich bei einem Anfall die Zunge blutig gebissen hat und nicht nur ein optisches Schlachtfeld hinterließ, sondern an der geschwollen Zunge auch fast noch gestorben wäre, wenn der Dosi nicht beherzt eingegriffen hätte.

Himmel, der Dosi bin ja ich! Ich hatte null Plan von Epilepsie und auch null Plan von anderen Notfällen, ich muss dringend etwas tun!

Zunächst gab es die üblichen Diagnosewege, da war alles unauffällig und das Bild vom Kopfinneren konnten wir uns sparen, da das Kleinhirn unterentwickelt war und das leider auch eine Epilepsie begünstigt. Die Ursache war also klar.

Der Tierarzt hatte viele Epilepsiepatienten und meinte nach einem einzigen Anfall gäbe er keine Medikamente, da müssten es schon 3 oder mehr pro Monat sein. Die 3 erreichten wir dann ein halbes Jahr später an einem Wochenende.

Ab jetzt gab es Medikamente, mit denen er nahezu anfallsfrei ist. So, anfallsfrei, dass man sie nach einem Jahr wieder langsam ausschleichen konnte, aber leider fing das dann wieder von vorne an, so dass die Tabletten jetzt zu seinem Leben dazugehören werden. Bis dass der Tod uns scheidet.

Und damit das nicht möglichst früh sein wird, habe ich seitdem 4 Erste-Hilfe-Kurse für Katzen besucht (Eigentlich nehme ich jeden Erste-Hilfe-Kurs mit, der angeboten wird), mich umfassend über die Epilepsie informiert und habe ein Fernstudium zur Tierheilpraktikerin begonnen. „Mehr“ helfen kann ich ihm aktuell nicht, aber ich kann dafür sorgen, dass ich nicht der Schwachpunkt sein werde, wenn der Tag der Tage gekommen ist. Und wer weiß, vielleicht kämpft er sich da auch wieder raus.

– Silke Falkus –

Liebe Silke, herzlichen Dank, dass du eure Geschichte mit uns geteilt hast. Nächsten Montag erzählt uns Marie die Geschichte ihrer Katzen.

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