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„Wenn sich kein Zuhause findet, dann muss die Katze ins Tierheim.“ – Eine Aussage, die man immer wieder liest und die häufig eingesetzt wird, um den emotionalen Druck auf potentielle Adoptanten zu erhöhen und diese dazu zu bringen, das Tier zu adoptieren, bevor es ins Tierheim „abgeschoben“ wird. Ein Ort, der immer noch häufig mit vielen negativen Vorstellungen in Verbindung gebracht wird, obwohl viele Kritiker ein Tierheim noch nie von innen gesehen haben.

Um hier ein wenig Aufklärung zu betreiben, hat sich Jasmin alias Frau Clickerlöwe bereiterklärt, uns im Rahmen eines Interviews ein wenig über den Alltag im Tierheim Gelsenkirchen zu erzählen und nimmt sich dabei auch vielen häufigen Vorurteilen an, die regelmäßig vorgebracht werden.

Haustiger: Hallo Jasmin, bitte stell dich doch kurz vor, damit unsere Leser auch wissen, mit wem sie es zu tun haben.

© Jasmin Lindner

Jasmin: Hallo, mein Name ist Jasmin alias Frau Clickerlöwe und ich bin hauptamtliche (Assistentin der Geschäftsstellenleiterin) sowie ehrenamtliche Mitarbeiterin (Katzenschmuserin und Katzenverhaltensberaterin im Katzenhaus) im Tierheim Gelsenkirchen / Tierschutzverein für Gelsenkirchen und Umgebung e.V. 1880.

Haustiger: Was die “Zustände” in Tierheimen so angeht, gibt es ja nach wie vor viele Mythen und Vorurteile. Teilweise wird sogar angenommen, den Tieren werde dort Leid angetan. Wie muss man sich denn den Alltag bzw. einen Tag im Tierheim als Außenstehender so vorstellen?

Jasmin: Viele der Mythen und Vorurteile sind mir natürlich auch bekannt und ich möchte mit jeder Menge Aufklärung dafür sorgen, dass diese entkräftet werden.

Der Alltag im Tierheim ist sowohl körperlich als auch emotional anstrengend: Ganz oft sind die Tierheime überfüllt, die Wartelisten werden immer länger und die Schicksale der einzelnen Tiere werden immer trauriger.

Katzenbox im Katzenhaus des Tierheims Gelsenkirchen
© Jasmin Lindner

Die Pfleger kümmern sich um die zugeteilten Abteilungen und Tiere: Die Boxen / Käfige werden gesäubert, Streu, Heu etc. wird aufgefüllt, die Toiletten / Ausscheidungsecken werden geputzt und neu befüllt, die Wäsche wird gewechselt, die Tiere bekommen frisches Futter & Wasser, die Näpfe und Utensilien werden gespült, es muss eine Menge desinfiziert werden, einige Tiere benötigen eine besondere Pflege und / oder benötigen ihre Medikamente, die Termine für Vermittlungsgespräche und Besuche beim Tierarzt müssen koordiniert und abgesprochen werden, die Mails und das Telefon (Nachrichten auf dem AB) werden abgerufen und beantwortet und und und…

Bei all der vielen Arbeit versucht man allerdings auch, den Tieren so viel Aufmerksamkeit, Liebe und auch Training zukommen zu lassen wie nur möglich.

© Jasmin Lindner

Haustiger: Angenommen, ich habe eine Katze gefunden oder muss mich von meinem Tier trennen und möchte / muss den Vierbeiner im Tierheim abgeben. Wie muss ich mir das vorstellen? Kann man die Katze einfach abgeben? Wird eine Gebühr fällig?

Jasmin: Wenn ein Tier gefunden wird, kann es problemlos im Tierheim abgegeben werden.

Da wir uns entschlossen haben, unser Tierheim auch nach der Corona-Pandemie dauerhaft geschlossen zu halten und uns voll auf 1:1-Vermittlungstermine mit Interessenten zu konzentrieren, ist für die private Abgabe einer Katze ein Termin notwendig, der telefonisch abgesprochen werden kann.

Vor einer Abgabe müssen wir schauen, ob wir Kapazitäten für die Aufnahme der Tiere haben. Hier wird dann auch eine Gebühr fällig, die sich zum Beispiel nach dem Impfstatus bzw. einer nicht vorhandenen Kastration etc. richtet.

Haustiger: Wenn es sich um mein eigenes Tier handelt oder eine Katze, die ich gut kenne (z. B. die Katze von der verstorbenen Oma). Wie kann ich den Umzug für beide Seiten so gut wie möglich gestalten?

Jasmin: Wenn es sich bei der Abgabe um ein bekanntes Tier handelt, wäre es für uns als Tierheim (-Mitarbeiter) wichtig, so viele Infos wie nur möglich über das Tier zu erhalten.

• Was isst es gerne? Hat es Lieblingsleckerchen?
• Hat es eine Lieblingsdecke? Ein Lieblingskissen?
• Wo mag es gerne angefasst werden? Was mag das Tier überhaupt nicht?
• Welche Krankheiten oder Allergien sind bekannt?
• Mag das Tier andere Katzen? Mag das Tier andere Tiere? Kommt das Tier mit Kindern klar?
• Und und und…

Wenn viele wichtige Infos vorhanden sind, können wir uns individueller um das abgegebene Tier kümmern und ihm / ihr den Umzug so angenehm wie möglich gestalten. Dies ist dann auch ein wenig einfacher für das Tier in Bezug auf die Umgewöhnung.

Keks © Jasmin Lindner

Für den Menschen ist es auch ein großer Einschnitt, selbst wenn es nicht das eigene Tier ist, sondern möglicherweise das Tier der verstorbenen Oma, an dem man aber dennoch hängt. Hier könnte es hilfreich sein, sich einem Menschen im nahen Umfeld anzuvertrauen und seine Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringen zu können. Manchmal ist eine Abgabe leider unumgänglich, aber man kann dennoch versuchen, die Situation bestmöglich zu gestalten. Oft hilft es den Tierheimen (und auch den Menschen), eine Patenschaft für dieses Tier abzuschließen, so dass einige Kosten auf Dauer gedeckt sind und man das Tier noch „sicherer“ versorgt weiß.

Haustiger: Was geschieht mit der Katze direkt nachdem sie im Tierheim angekommen ist (z. B. im Hinblick auf Untersuchungen, Quarantäne, … )?

Jasmin: Im Regelfall kommt die Katze erstmal in eine Quarantänestation und wird schnellstmöglich dem Tierarzt des Tierheimes vorgestellt. Man schaut sich den aktuellen Impfstatus an, organisiert, wenn nötig, einen Termin für die Impfung / Kastration etc. und beobachtet das Verhalten der Katze. Dies ist später wichtig für eine eventuelle Vergesellschaftung mit anderen Katzen in unseren beiden Katzenhäusern und natürlich für die weitere Vermittlung.

© Jasmin Lindner

Haustiger: Was wird getan, damit sich die Katzen im Tierheim so wohl wie möglich fühlen? Inwieweit kann auf die Bedürfnisse der Katzen Rücksicht genommen werden? Gibt es Beschäftigungsangebote?

Jasmin: Wenn das Tierheim „übervoll“ ist, bringt dies die Tiere sowie die Mitarbeiter an ihre körperlichen sowie emotionalen Grenzen. Es versuchen dennoch alle, den Katzen den Aufenthalt im Tierheim so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Innerhalb der Boxen wird geschaut, dass die Tiere genügend Versteckmöglichkeiten haben, falls sie sich zurück ziehen möchten.

In den Quarantäne- / Krankenstationen sind die Beschäftigungsangebote aufgrund des Platzmangels und der gesundheitlichen Situation sehr überschaubar. Hier liegt der Fokus auf dem „wieder gesund werden“, um dann in eine Box in unseren Katzenhäusern oder Übergangsstationen ziehen zu dürfen.

In den Katzenhäusern gibt es dann mehr Beschäftigungsangebote, da dort auch die ehrenamtlichen Katzenschmuser Zugang haben und sich ausgiebiger um die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Katzen kümmern können. Die Pfleger und Schmuser arbeiten hier Hand in Hand und tauschen sich über die Fortschritte der Katzen aus, so dass dies auch in den Vermittlungstexten und bei der Vermittlung erwähnt werden kann.

@ Jasmin Lindner

Von den Schmusern werden im Regelfall die folgenden Dinge angeboten:
Clickertraining (Tricks, Medical Training, Höflichkeitstraining etc.), Wellness in Form von Streicheln, Kraulen und Bürsten (wenn die Katzen dies wünschen); Action in Form von Spielangeboten (Spielangeln, Bändchen, Fummelbretter etc.); Ansprechen des Hörsinns: Vorlesen für sehr schüchterne Katzen bzw. auch für Katzen, die dies gerne mögen.

Medical Training
© Jasmin Lindner

Wenn sich eine Katze als „Star“ fühlen möchte, bieten wir auch Fotoshootings an, damit man auf unseren sozialen Medien „glänzen“ kann. 😉

Haustiger: Angenommen, ich würde gerne eine Katze aus dem Tierheim adoptieren. Wie läuft das ab? Kann man da einfach vorbeikommen?

Prinzipiell handhabt jedes Tierheim die Vermittlung ganz individuell. Unsere Mitarbeiter haben nach der Schließung während der Corona-Pandemie bemerkt, dass 1:1-Termine mit Interessenten sinnvoller gehändelt werden können als der bisherige Publikumsverkehr. Die individuelle Betreuung lässt eine intensivere Zeitspanne für Fragen zu und wird deshalb beibehalten.

Dies bedeutet, dass die Menschen sich bei Interesse an einer unserer Katzen im Tierheim-Büro melden und dann einen Termin ausmachen können. An diesem Termin kümmert sich dann ein Tierpfleger um die Interessenten und man darf die Katze ausgiebig kennen lernen. Wenn es sich um eine Katze in den beiden Katzenhäusern handelt, können die Katzenschmuser ins Gespräch involviert werden und eventuell auch noch einige wichtige Infos mitteilen. Oft wissen sie, welche Leckerchen die ausgewählte Katze mag, welches Spielzeug richtig gefeiert wird und wo die Katze am allerliebsten gekrault werden möchte… und und und.

© Jasmin Lindner

Wenn der Funke dann überspringt (auf beiden Seiten) und alle Eckdaten passen, darf die Katze adoptiert werden und ausziehen. Handelt es sich bei der ausgewählten Katze um eine Katze mit einer „Verhaltensoriginalität“, sind im Regelfall mehrere Besuche sinnvoll, um die Katze besser kennen zu lernen und auch die mögliche Verhaltensoriginalität. So kann man dann für sich entscheiden, ob man das gemeinsame Zusammenleben mit notwendigen Managementmaßnahmen sowie (Clicker-) Training händeln kann / will.

Clickertraining
© Jasmin Lindner

Es macht eindeutig Sinn, die Vermittlung VOR der Adoption zu stoppen, sobald man sich mit der Situation doch überfordert fühlt. (Ganz wichtig: Das ist absolut keine Schande, sondern in meinen Augen sehr erwünscht, denn eine unüberlegte Vermittlung schadet im schlimmsten Fall allen Beteiligten!)

Haustiger: Muss man bei der Adoption einer Katze aus dem Tierheim grundsätzlich davon ausgehen, dass die Tiere durch den Aufenthalt im Tierheim in irgendeiner Form verhaltensauffällig oder traumatisiert sind und ggf. mehr Arbeit machen als “Nicht-Tierschutzkatzen”?

Jasmin: Die Frage ist hier, wie man die Begrifflichkeiten definiert. Was bedeutet „verhaltensauffällig“? Eine Katze aus einem Züchterhaushalt / Vermehrerhaushalt kann ebenso Verhaltensauffälligkeiten aufweisen wie eine Katze aus dem Tierheim. Der bloße Aufenthalt in einem Tierheim löst per se keine Verhaltensprobleme aus. Wir müssen uns aber klar machen, dass ein sensibles Tier natürlich durchaus anders mit einer solchen Situation umgehen könnte, als ein sehr selbstsicheres Tier. Oft ist es ja sogar so, dass die Tiere erst NACH einer traumatisierenden Situation im Tierheim landen und dann hier erst mal einen sicheren Hafen finden, bevor sie in ihr neues Zuhause ziehen können.

© Jasmin Lindner

Mittlerweile landen jede Menge „ebay-Katzen“ in den Tierheimen, weil Privatleute ihre Tiere nicht mehr zum „Verkauf“ anbieten dürfen. Ich bezweifle stark, dass diese Katzen (häufig sind es ja „Upps-passiert“-Würfe) mental gesünder sind als ihre Artgenossen im Tierheim.

Dass Tierschutzkatzen mehr Arbeit machen als „Nicht-Tierschutzkatzen“ halte ich für eine nicht haltbare Verallgemeinerung, die im Grunde genommen niemandem einen Vorteil bringt. Für mich entspricht diese Aussage nicht den Tatsachen, da eine artgerechte Tierhaltung grundsätzlich mit mehr Aufwand verbunden ist, als wenn das Tier nur „so nebenbei“ existiert.

Haustiger: Immer wieder hört man, jemand war im Tierheim, hat aber keine Katze bekommen. Oder auch “Tierheime wollen doch überhaupt keine Tiere vermitteln”. Dafür gibt es ja in der Regel Gründe. Magst du dazu vielleicht noch etwas sagen?

Jasmin: Vielen Menschen fällt es leichter, eine schlechte Rezension zu schreiben als eine gute. In den meisten Fällen gibt es in der Tat nachvollziehbare Gründe, weshalb Tier x oder Tier y eben nicht zu diesem Menschen / zu dieser Familie gepasst hat. Tierheime / Tierschutzvereine entscheiden zugunsten des individuellen Tieres, da wir alle eine Verantwortung für unsere Tiere übernommen haben, derer wir gerecht werden wollen.

© Jasmin Lindner

Wenn ich beispielsweise eine Katze habe, die Freigang benötigt und aufgrund eines traumatischen Ereignisses nicht mit Kindern kompatibel ist, dann wäre es verantwortungslos, diese Katze in eine reine Wohnungshaltung zu einer Familie mit 3 kleinen Kindern zu vermitteln. Dann wäre vielleicht diese Familie zufrieden, aber die Katze wäre unglücklich. Außerdem würde das Glück der Familie wahrscheinlich nicht all zu lange andauern, weil die Katze aufgrund ihrer Frustration möglicherweise Verhaltensauffälligkeiten wie Unsauberkeit oder Übersprungshandlungen (zum Beispiel: beim Spielen in die Hand hacken) zeigen würde.

Ich kann natürlich nicht für alle Vereine sprechen, aber ich würde behaupten, dass es in der Regel gute Gründe gibt, warum jemand ein bestimmtes Tier nicht adoptieren kann. Meistens werden dann aber andere Tiere gezeigt, die eventuell besser zu dem jeweiligen Menschen oder der jeweiligen Situation passen. Wir haben schon häufiger mal die Rückmeldung bekommen, dass die Interessenten zwar nicht ihr Wunschtier adoptieren konnten, allerdings stattdessen ein absolut „passendes“ Tier ins neue Zuhause einziehen durfte und man sehr glücklich und dankbar ist.

Haustiger: Adoptiert man eine Katze aus dem Tierschutz/Tierheim, wird in der Regel eine Schutzgebühr fällig. Kannst du etwas dazu sagen, wie sich diese zusammensetzt (bzw. wie man auf Betrag x kommt) und wofür die Schutzgebühr verwendet wird?

Die Schutzgebühr setzt sich überall ein wenig anders zusammen. Wenn man ehrlich ist, deckt sie nicht mal ansatzweise die Kosten der Versorgung dieser einen Katze. Prinzipiell müsste man innerhalb der Berechnung folgende Punkte beachten: die Kastration, die verschiedenen Schutzimpfungen, notwendige Spot-On-Präparate, das Chippen und den Chip selbst, das Futter (Achtung: Spezialfutter kann sehr teuer sein.), die allgemeine Unterbringung, die mögliche notwendige medizinische Versorgung, wenn das Tier krank ist, Medikamente und und und…

© Jasmin Lindner

Im Grunde ist die Schutzgebühr lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein, um ein Tierheim halbwegs kostendeckend betreiben zu können. Und wer nach der GOT-Erhöhung schon mal zum Tierarzt musste, weiß, wie sehr die Preise gestiegen sind. Tierheime haben allerdings nicht NUR EIN Tier zu versorgen, sondern oft hunderte. Die Schutzgebühr mag also auf den ersten Blick ziemlich hoch sein, relativiert sich aber, wenn man ausrechnet, was man ansonsten alles hätte alleine bezahlen müssen.

Haustiger: Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Jasmin: Sehr gerne. Ich halte nichts von Sprüchen wie : „Adoptiert eine Katze aus dem Tierheim. Die sind so „dankbar“!“, weil dieser „Dankbarkeitsgedanke“ in meinen Augen nicht sinnvoll ist. Aber eine Katze aus dem Tierheim zu adoptieren, um ihr ein schönes Zuhause und ein tolles Leben zu schenken, das ist sinnvoll und einfach eine wundervolle Tat.

Und fragt bitte bei Unsicherheiten jemanden, der sich auskennt, Euch beraten und bei der Auswahl der passenden Katze begleiten kann, um das bestmögliche „Match“ zu erzielen.

Einen großen Dank an alle Menschen, die einer Tierschutzkatze eine Chance geben oder schon gegeben haben. Dafür bin ich Euch wirklich von Herzen dankbar!

© Jasmin Lindner

Haustiger: Liebe Jasmin, danke, dass du dir die Zeit genommen hast, uns unsere neugierigen Fragen zu beantworten und zu diesem wichtigen Thema aufzuklären. Was uns noch wichtig ist, zu erwähnen, ist, dass eine Abgabe ins Tierheim nicht automatisch eine Verschlechterung für das jeweilige Tier bedeuten muss, sondern – weit mehr als bei einer spontanen Blitzvermittlung – auch eine Chance sein kann, nach dem Aufenthalt das absolute Traumzuhause zu finden. 

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