„Du kannst sie nicht alle retten.“
Wenn man helfen will und es trotzdem nicht reicht.
„Du kannst sie nicht alle retten.“
Aber früher oder später kommt der Tag, an dem man schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Weil man erkennen muss, dass Wollen in der Realität eben nicht immer reicht. Dass man, egal wie sehr man kämpft, hofft und will, eben doch nicht alles auffangen kann.
Dabei ist es nicht nur das Leid an sich. Es sind nicht nur die traurigen Geschichten, die schockierenden Bilder. Sondern dieses Gefühl, zu sehen, was gerade passiert, zu ahnen, was kommt, zu wissen, dass Hilfe nötig wäre und trotzdem nicht durchzukommen. Nicht mehr auffangen zu können. Nicht mehr ändern zu können.
Nicht, weil es einem egal wäre. Sondern gerade, weil es einem nicht egal ist.
Es ist diese verdammte Hilflosigkeit, die einen manchmal einfach fertig macht. Diese Ohnmacht. Der Frust. Dass man hadert. Mit sich und der Welt. Und dass man sich manchmal einfach nur schäbig fühlt und das Gefühl hat, auf ganzer Linie versagt zu haben. Obwohl man nüchtern betrachtet weiß, dass das so nicht stimmt.
Vielleicht fehlt das Geld. Vielleicht die Zeit. Vielleicht der Platz, die Kraft oder die psychische Stabilität. Vielleicht weiß man auch einfach, dass man längst an einem Punkt angekommen ist, an dem ein weiteres Tier, ein weiterer Notfall, noch eine Verantwortung mehr eben nicht mehr tragbar wären. Nicht, weil einem die Tiere egal wären. Sondern weil man gerade deshalb weiß, dass man mehr Tieren nicht gerecht werden kann, weil es einem nicht egal ist.
Rational lässt sich das meist gut erklären. Emotional macht es das nicht unbedingt leichter. Zumal es ja oft nicht dabei bleibt. Immer wieder steht man vor Situationen, in denen klar ist, dass es so weit gar nicht hätte kommen müssen.
Wenn früher gehandelt worden wäre.
Wenn rechtzeitig Hilfe gesucht worden wäre.
Wenn Verantwortung übernommen worden wäre.
Wenn nicht wieder gewartet, schöngeredet, ignoriert oder gehofft worden wäre, dass es schon irgendwie gutgehen wird.
Und ja, das macht wütend.
Weil da wieder ein Tier ist, das den Preis bezahlt.
Weil da wieder Leid ist, das vermeidbar gewesen wäre.
Weil man immer wieder vor Situationen steht, die so nicht hätten sein müssen und jetzt bitte danke irgendwer den Karren wieder aus dem Dreck ziehen soll.
Und manchmal ist es eben nicht nur das Leid selbst, das so schwer auszuhalten ist. Manchmal ist es auch dieses Gefühl, zu reden, zu erklären, zu warnen, zu bitten und trotzdem nicht durchzudringen. Nicht einmal so weit, dass den Leuten überhaupt klar ist, dass das, was sie da gerade tun oder eben nicht tun, Unrecht ist.
Denn den Schmerz fühlt das Tier.
Nicht der Mensch, der zu lange gewartet hat.
Nicht der Mensch, der Warnungen ignoriert hat.
Nicht der Mensch, der Ausreden findet, statt Verantwortung zu übernehmen.
Das Tier trägt die Konsequenzen.
Und ja, man darf die Welt und speziell die Menschen, die für diesen Mist verantwortlich sind, auch mal so richtig kacke finden und kein Verständnis haben. Gerade dann, wenn das Tier zu retten gewesen wäre, hätte man rechtzeitig gehandelt.
Wie man das alles erträgt, fragt ihr euch?
Nun, viele antworten darauf, dass es ja auch die vielen Fälle gibt, in denen alles gut wird und in denen man helfen kann. Oder dass man mit der Zeit lernt, sich abzugrenzen und das alles nicht mehr so sehr an sich ranzulassen. Beides stimmt schon. Aber hundertprozentig funktioniert das meist nicht.
Da kannst du noch so erfahren sein und noch so geübt darin, dich abzugrenzen. Irgendwann kommt wieder dieser eine Fall, der dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Bei dem du einfach keine Worte mehr hast. Bei dem du kämpfst, fluchst, hoffst und am Ende doch verlierst. Was bleibt, sind Wut und Frustration. Dieses schäbige Gefühl, versagt zu haben, obwohl man weiß, dass einen eigentlich keine Schuld trifft.
Dieses Gefühl, das alles nicht mehr ertragen zu können. Das alles nicht mehr ertragen zu wollen. Und doch macht man weiter. Nicht, weil man so stark ist. Sondern weil man es noch viel weniger ertragen kann, nichts zu tun. Immer wieder. Oft bis an die Grenzen des Erträglichen und manchmal auch darüber hinaus.
Honoriert wird das oft nicht. Stattdessen kommt noch Druck von außen.
„Ihr liebt doch Tiere, also müsst ihr doch helfen.“
„Wenn du sie nicht nimmst, dann setz ich sie aus.“
„Dann behandelt halt kostenlos.“
„Niemand kann das so gut wie du. Du bist ihre einzige Chance.“
„Dann müsst ihr eben erreichbar sein.“
„Dann könnt ihr doch nicht einfach Feierabend machen oder Urlaub haben.“
Als gäbe es keine Grenzen. Keine Erschöpfung. Kein Privatleben. Keine Arbeitszeiten. Keine wirtschaftliche Realität. Keine eigene Gesundheit.
Gerade Tierärzt*innen und TFA bekommen das immer wieder ab. Als müssten sie allein deshalb, weil sie mit Tieren arbeiten, rund um die Uhr verfügbar, belastbar, freundlich und aufopferungsbereit sein. Am besten sofort, am besten kostenlos und am besten ohne eigene Bedürfnisse. Aber Tiermedizin ist kein Ehrenamt.
Tierliebe bezahlt keine Miete, kein Personal, keine Geräte, keine Medikamente. Und sie ersetzt auch nicht die eigene psychische und körperliche Belastbarkeit.
Im Tierschutz begegnet einem derselbe Druck auf andere Weise. Auch dort wird oft erwartet, dass man immer weitermacht. Immer noch einen Fall übernimmt. Immer noch einen Platz schafft. Immer noch irgendwie funktioniert. Egal, wie leer und ausgebrannt man eigentlich schon ist.
Und nein, man muss das nicht einfach aushalten können.
Man ist nicht schwach, wenn einen das mitnimmt.
Man ist nicht ungeeignet, wenn man an Grenzen kommt oder schon vorher welche setzt.
Und man liebt Tiere ganz sicher nicht weniger, nur weil man nicht unbegrenzt belastbar ist.
Wir sind Menschen, keine Maschinen.
Niemand kann alle retten und es muss auch niemand können. Das ändert nichts daran, dass es weh tut.
Man kann eben nur tun, was im Rahmen der eigenen Möglichkeiten liegt. Nicht mehr. Und manchmal leider auch nicht das, was man eigentlich gern tun würde.
Und manchmal ist genau das mit am schwersten auszuhalten.
Dass man nicht nichts tut. Aber eben auch nicht genug.
Und manchmal bleibt eben trotzdem nur dieses beschissene Gefühl, dass es einfach nicht gereicht hat.
Ich muss in solchen Momenten oft an die Geschichte vom Seestern denken. An diesen jungen Mann, der am Strand Seesterne aufhebt und zurück ins Meer wirft. Einen nach dem anderen.
Er wird gefragt, was für einen Unterschied das denn machen soll, wenn da doch noch so viele andere liegen und er die unmöglich alle zurück ins Meer bringen und vor dem sicheren Tod bewahren kann.
Seine Antwort ist einfach: Für diesen einen macht es einen Unterschied.
Das eigene Tun rettet nicht alle. Es macht das Leid insgesamt nicht viel kleiner und behebt auch die grundsätzlichen Probleme dahinter nicht.
Aber für das Tier, das Hilfe bekommt, macht es eben doch einen Unterschied.
Und was du für ein einzelnes Tier verändern konntest, verändert vielleicht nicht die ganze Welt. Aber die Welt dieses Tieres.
Für jeden, der das gerade braucht:
Du musst nicht alles tragen.
Du musst nicht alle retten.
Und du bist nicht gescheitert, nur weil es nicht für alle gereicht hat.
Was du tust, ist nicht nichts.
Was du aushältst, ist nicht wenig.
Und wenn du „nur“ für ein einzelnes Tier etwas zum Besseren verändern konntest, ist das schon so viel.
Bitte vergiss das nicht.
(Bild: Ki-generiert)
