Cara kolumniert

Besitzverhältnisse

 

Über Eigentum, Fehlurteile und andere Störungen der häuslichen Ordnung.

Der Vorfall mit der Decke begann, wie die meisten Störungen der häuslichen Ordnung, mit einer Servicekraft, die ihre Zuständigkeiten falsch einschätzte.

Es war später Nachmittag. Die Wohnung hatte sich in jene stille Ruhe zurückgezogen, die Räume annehmen, wenn der Tag noch nicht vorbei, aber im Wesentlichen entschieden ist. Ich lag auf dem Sofa. Nicht demonstrativ. Nicht dekorativ. Ich lag dort mit der Selbstverständlichkeit eines Wesens, das keinen Anlass sieht, seine Anwesenheit zu rechtfertigen.

Unter mir lag die graue Wolldecke.

Die graue Wolldecke ist seit Längerem von Bedeutung. Sie ist weich, ausreichend warm und frei von jenen gestalterischen Einfällen, mit denen Menschen gelegentlich versuchen, den Haushalt interessant zu machen. Sie hatte sich bewährt und war damit in meinen Besitz übergegangen.

In diese wohletablierte Ordnung hinein trat die Servicekraft an das Sofa.

Sie sah mich an.
Sie sah die Decke an.
Man konnte ihr beim Denken zusehen. In ihrem Kopf setzte sich langsam ein kleines Räderwerk in Bewegung, das wenig später einen Fehler von beachtlicher Tragweite hervorbringen sollte.

„Cara“, sagte sie schließlich, „ich brauche die Decke.“

Ich hob den Kopf und blinzelte mit einem Auge.

Brauchen ist ein großes Wort. Menschen verwenden es gern, wenn sie frieren, sich langweilen oder plötzlich den Eindruck haben, ein Gegenstand sei noch verfügbar, obwohl längst eine Katze darauf liegt. Ich bestreite nicht, dass ihnen die Sache in diesem Moment wichtig vorkommt. Aber Wichtigkeit ist kein Eigentumsnachweis.

„Ich brauche die Decke“, sagte die Servicekraft noch einmal, langsamer diesmal, als sei nicht ihre Argumentation lückenhaft, sondern mein Verständnis.

Es gibt in jedem geordneten Haushalt Augenblicke, in denen klar wird, dass nicht mehr über Stoff gesprochen wird, sondern über Grundsätze.

Menschen haben ein auffallend primitives Verhältnis zum Besitz. Sie glauben, ein Gegenstand gehöre ihnen, weil sie ihn gekauft, gewaschen oder irgendwann ins Haus getragen haben. Das ist aus menschlicher Sicht vielleicht ein Anfang. Aus meiner Sicht ist es vor allem eine sehr frühe Entwicklungsstufe.

Wirklicher Besitz entsteht anders.

Durch Nutzung.
Durch Nähe.
Durch Verlässlichkeit.
Vor allem aber durch die Kraft der sichtbaren Tatsache.

Ich lag auf der Decke.

Mehr Beweisführung war nicht nötig.

Die Servicekraft griff nach einer Ecke der Decke und zog.

Nicht grob. Nur vorsichtig. Mit jener tastenden Bewegung, mit der Menschen testen, ob ein Übergriff kleiner wirkt, wenn man ihn höflich beginnt.

Ich blieb liegen.

Das war keine Bequemlichkeit. Es war die Weigerung, einen Fehler durch Bewegung zu belohnen.

Die Decke verschob sich leicht unter mir. Ich antwortete mit einem Blick, der deutlich genug machte, dass wir hier einen Fehler in Echtzeit betrachteten. Die Servicekraft zog noch einmal, nun mit jener stillen Beharrlichkeit, die Menschen entwickeln, wenn sie bereits ahnen, dass sie unrecht haben, aber hoffen, es ließe sich durch Fortsetzung in Wahrheit verwandeln.

Ich vergrößerte mein Gewicht.

Menschen halten Gewicht für eine rein körperliche Eigenschaft. Das ist technisch nicht falsch, aber es greift zu kurz. Wahres Gewicht ist auch eine Haltung. Ein Entschluss. Eine Form von moralischer Verdichtung. Ich wurde nicht schwerer. Ich machte nur deutlicher, dass ich nicht vorhatte nachzugeben.

Dann entstand jene kurze Stille, in der beide Seiten begreifen, dass es längst nicht mehr um eine Decke geht. Es ging um die Frage, ob Besitz durch Wunsch aufgehoben werden kann oder ob die Realität dabei ein Mitspracherecht hat.

Die Servicekraft seufzte.

Menschen seufzen häufig an dem Punkt, an dem Realität anfängt, ihnen lästig zu werden.

„Na gut“, sagte sie schließlich. „Dann eben nicht.“

Und das ist, bei aller Kritik, der Grund, weshalb man sie im Haushalt dulden kann. Gelegentlich akzeptieren sie Tatsachen. Nicht aus Einsicht, aber immerhin aus Erschöpfung.

Die Angelegenheit hätte dort enden können, wenn die Servicekraft nicht wenig später mit einem Kissen zurückgekehrt wäre.

Mit einem Kissen.

Es gehört zu den schwächeren Seiten des menschlichen Denkens, Ersatz für eine Lösung zu halten. Sie legte das Kissen neben mich und sagte mit vorsichtiger Zuversicht: „Hier. Das ist doch auch weich.“

Ich sah das Kissen an.

Es war weich. Das sprach für das Kissen. Es sprach aber nicht gegen meine Decke. Menschen verwechseln Alternativen oft mit Ansprüchen. Nur weil etwas ebenfalls brauchbar ist, hört das Bessere nicht auf, mir zu gehören.

Ich sah dann die Servicekraft an.

Und weil ich selbst in kritischen Lagen zu konstruktiven Lösungen neige, stand ich auf. Langsam. Mit Würde. Mit jener Ruhe, die Menschen regelmäßig als Einlenken missverstehen, kurz bevor sie feststellen, dass sie lediglich einer Ausweitung der Verhältnisse zugesehen haben.

Ich trat auf das Kissen und setzte mich darauf.

Die Servicekraft lächelte sofort.

Das war voreilig.

Denn selbstverständlich hatte ich damit die Decke nicht freigegeben. Ich hatte lediglich das Kissen zusätzlich übernommen.

Das ist der Punkt, an dem menschliches Denken oft zusammenbricht. Menschen stellen sich Besitz gern als etwas Einfaches vor: ein Ding, ein Besitzer, Ende. In Wahrheit verhält sich Besitz eher wie ein Territorium. Er hat ein Zentrum, Randbereiche und Zonen, die durch bloße Berührung hinreichend gesichert sind.

„Siehst du“, sagte die Servicekraft und griff erneut nach der Decke.

Ich legte eine Pfote darauf.

Nicht schnell. Nicht nervös. Nur präzise.

Wie eine Unterschrift.

Die Servicekraft hielt inne und sah auf meine Pfote hinab, als habe sie dort plötzlich eine Sprache entdeckt, die sie nie gelernt hatte.

„Ehrlich jetzt?“, fragte sie.

Ich fand die Frage nicht besonders stark. Ehrlichkeit war zu keinem Zeitpunkt das Problem gewesen. Ich hatte meine Position offen vertreten. Ich hatte nichts verschleiert. Wenn in diesem Raum jemand so tat, als ließe sich Besitz durch bloßes Zugreifen neu ordnen, dann wohl kaum ich.

Am Ende nahm sich die Servicekraft eine andere Decke.

Sie war dünner, blasser und von einer Trostlosigkeit, wie man sie sonst nur aus Krankenhäusern kennt, aber das war nicht mein Problem. Ich sehe nicht ein, warum ich mich mit den Folgen fremder Fehleinschätzungen belasten sollte.

Später am Abend kehrte die Servicekraft zurück und wollte ihren Platz auf dem Sofa.

Zu diesem Zeitpunkt lag ich halb auf dem Kissen, halb auf der Decke und mit dem Rückenbereich auf einer Zeitung, die kurz zuvor noch gelesen worden war und nun endlich einer sinnvollen Verwendung diente. Die Servicekraft blieb stehen, betrachtete die Lage und sagte: „Cara. Jetzt ist aber wirklich alles besetzt.“

Ich sah sie an.

Natürlich war alles besetzt.

Das war ja die Aufgabe gewesen.

Menschen neigen dazu, freie Flächen für einen natürlichen Zustand zu halten. Das ist einer ihrer grundlegenden Irrtümer. Leere ist kein Ideal. Leere ist nur ungenutzte Möglichkeit, und ungenutzte Möglichkeiten führen im Haushalt fast immer zu schlechten Entscheidungen.

Menschen glauben außerdem, Besitz sei etwas Abstraktes. Etwas mit Belegen, Verträgen und Schubladen, in denen Papier langsam den Sinn des Lebens verliert. In Wahrheit ist Besitz etwas Sichtbares. Etwas Warmes. Etwas, das nicht diskutiert, sondern festgestellt wird.

Ein Sofa gehört nicht dem, der es gekauft hat.
Es gehört dem, der seine Funktion am überzeugendsten offenlegt.

Eine Decke gehört nicht dem, der sie wäscht.
Sie gehört dem, unter dem sie warm wird.

Ein Kissen gehört nicht dem, der es hinlegt.
Es gehört dem, der es adelt.

Und ein Mensch gehört, jedenfalls in den stilleren Abendstunden, durchaus dem Wesen, das beschlossen hat, auf ihm zu schlafen.

Es geht dabei nicht um Grausamkeit.

Es geht um Ordnung.

Und Ordnung beginnt, wie jede vernünftige Ordnung, genau dort, wo ich beschlossen habe, sie vorübergehend zu verkörpern.

Im Ernst Leute:

Nicht jede Besitzfrage ist bloß Marotte. In einem Katzenhaushalt sind wichtige Ressourcen nicht einfach nette Extras, sondern Teil eines verlässlichen Alltags. Dazu gehören mehr als nur irgendwo vorhandenes Futter und ein halbwegs freier Platz auf dem Sofa.

Wenn mehrere Katzen zusammenleben, braucht es in der Regel mindestens eine Katzentoilette mehr als Katzen im Haushalt. Es braucht ausreichend Liegeplätze, Kratzgelegenheiten und Rückzugsorte für jede einzelne Katze. Es braucht für jede Katze einen eigenen Futternapf. Und es braucht verschiedene Trinkgelegenheiten, am besten so platziert, dass sie nicht direkt neben Futter oder Katzentoilette stehen.

Dazu kommt etwas, das Menschen leicht übersehen: Katzen brauchen nicht nur Versorgung, sondern oft auch passend verteilte Aufmerksamkeit und ungestörte Ruhe. Das kann bedeuten, dass jede Katze Zeit mit ihrem Menschen bekommt, ohne konkurrieren zu müssen, und ebenso Zeit für sich, ohne bedrängt zu werden.

Über die Autorin

Rabenschwarzes Fell, rabenschwarzer Humor.
Cara ist die würdige Nachfolgerin der unvergleichlichen Emma. Aus Katzenperspektive wirft sie einen ebenso ironischen wie scharfsinnigen Blick auf ihre Artgenossen, deren Menschen und die vielen Absurditäten des Internets.

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