Cara kolumniert

Der königliche Hügelhund

 

The Dog who must not be named.

Es gibt Dinge, die man in manchen Facebook-Gruppen besser nicht sagt.

Dazu gehören je nach Milieu Impfungen, Trockenfutter, Tierärztinnen, Kohlenhydrate und diverse andere Dinge, von denen man nicht mal wusste, dass sie ein Problem darstellen können, bevor man einer der einschlägigen Facebook-Gruppen zu nahe gekommen ist. Vor allem aber gibt es dort zwei Namen, bei deren bloßer Erwähnung sich die Atmosphäre zuverlässig verdüstert: Hill’s und Royal Canin.

Man empfiehlt sie nicht. Man verteidigt sie besser auch nicht. Mitunter erwähnt man sie nicht einmal, jedenfalls nicht ohne vorher innerlich Abschied von einem ruhigen Nachmittag zu nehmen. Nicht, weil jeder Einzelfall bereits sorgfältig geprüft und differenziert besprochen worden wäre, sondern weil das Urteil in solchen Gruppen gewöhnlich schon feststeht, bevor überhaupt jemand die Frage zu Ende formuliert hat.

Es hat etwas eigentümlich Ritualhaftes. Als könne schon die bloße Nennung eines Spezialfutters Unheil heraufbeschwören. Als müsse man den Kommentarbereich vor dunklen Mächten schützen, indem man Markennamen behandelt wie unverzeihliche Flüche, die, einmal ausgesprochen, zuverlässig eine Kaskade aus „Chemie“, „Müll“ und „nur Geldmacherei“ auslösen.

Und wie das mit Dingen ist, die man nicht nennen soll: Sie wachsen.

Sie werden größer, finsterer und unheilvoller, als sie in Wirklichkeit je waren. Aus einem Diätfutter wird ein weiterer Beweis dafür, dass es mit der natürlichen Ordnung offenbar bergab geht. Aus einer veterinärmedizinisch gedachten Ration ein Angriff auf die Natur. Und aus zwei Herstellern wird schließlich ein Wesen, das halb aus Hörensagen, halb aus Empörung und zu einem kleinen, aber sehr wesentlichen Teil aus dem Inhalt von Kommentarbereichen besteht:

Der königliche Hügelhund.
The Dog Who Must Not Be Named.

Niemand hat ihn je genau gesehen, aber alle wissen sehr genau, wie er aussieht.

Er ist, so heißt es, halb Wolf, halb Marketingabteilung und im Besitz eines goldenen Messbechers, mit dem er des Nachts mit Trockenfutter klappernd durch die Flure jener Tierarztpraxen streift, die im Internet längst als Teil der Sache gelten. Er lebt in den dunkleren Winkeln hinter dem Empfang, dort, wo das Spezialfutter steht, die Hochglanzbroschüren liegen und der bloße Verdacht auf Industrienähe bereits ausreicht, um in manchen Menschen einen inneren Exorzismus auszulösen. Er erscheint immer dann, wenn eine Katze etwas bekommt, das nicht nach Lagerfeuer, Beutetier und moralischer Reinheit aussieht: Nierenfutter, hypoallergenes Futter, Urinary oder sonst etwas, das den Fehler begeht, für einen medizinischen Zweck gedacht zu sein.

Wie der königliche Hügelhund aussieht? Das weiß niemand so genau. Es heißt, sein Fell besitze jene eigentümliche Beschaffenheit, die Dinge annehmen, die nie ganz gesehen, aber immer mit großer Sicherheit beschrieben werden. In manchen Erzählungen glänzt es wie der frisch polierte Behandlungstisch. In anderen wirkt es stumpf wie eine Schere, die zu oft mit Halbwissen in Berührung gekommen ist. Seine Augen glühen, seine Schritte hallen, während er durch die Gänge schreitet, und sein Atem, so heißt es, riecht nach Trockenfutter, Fortbildungsbudget und jener stillen Verzweiflung, die Menschen befällt, wenn sie eine Futtermitteldeklaration für einen handfesten Skandal halten.

Eine Erscheinung, die für eine ordentliche Sagengestalt eigentlich schon aussagekräftig genug wäre. Aber es geht noch weiter. Denn zum festen Sagenkreis um dieses furchteinflößende Wesen gehört selbstverständlich auch, dass Tierärztinnen und Tierärzte ihm nicht etwa erst im Berufsalltag begegnen. Nein, sie sollen schon im Studium für alle Ewigkeit an ihn gebunden werden.

Man munkelt, das Verbindungsritual findet in einem fensterlosen Nebenraum zwischen Anatomie und Pharmakologie statt, wo Student*innen feierlich das ultimative Sponsoringpaket übergeben wird, gefüllt mit einigen Fortbildungsfolien, einem geheimen Handschlag und einem Sack Gastrointestinal. Außerdem soll die Aussicht auf spätere Vergünstigungen dazugehören, seien sie real, eingebildet oder vom Internet mit jener unerschütterlichen Gewissheit behauptet, die sonst nur alten Dorflegenden eigen ist, bis hin zu jenem Plasmafernseher im Wartezimmer, von dem seit Jahren erzählt wird, als habe ihn der Berichterstatter eigenhändig an die Wand geschraubt.

Und wie alle brauchbaren Internetlegenden bleibt auch die Geschichte vom königlichen Hügelhund nicht lange dort, wo sie erfunden wurde. Sie wird weitererzählt, ausgeschmückt und schließlich in Kommentarbereiche überführt, wo sie jenen letzten Schliff erhält, den nur das Internet verleihen kann: die feste Überzeugung, etwas ganz genau zu wissen, das man nie besonders genau geprüft hat.

„Finger weg“, zischen die Orakel aus den Kommentaren.
„Chemie.“
„Müll.“
„Nur Geldmacherei.“
„Die sind doch alle gesponsert“, raunt es durch die Gruppen.

Und irgendwo weiß stets jemand von einer Bekannten, deren Kater nach drei Kroketten Spezialfutter den Bezug zum Kosmos verlor, dessen Aura sich verdunkelte oder der zumindest sehr anders auf den Küchenschrank blickte.

In solchen Momenten nicken viele sehr ernst. Denn das Internet ist ein Ort, an dem man sich mit erstaunlicher Sicherheit vor Dingen fürchten kann, die man gleichzeitig nicht besonders gründlich verstanden hat.

Das Problem an solchen Erzählungen ist nur, dass sie mit der eigentlichen Frage wenig zu tun haben.

Denn ob ein Futter sinnvoll ist, entscheidet sich nicht daran, wie verdächtig sein Markenname klingt. Auch nicht daran, ob es in einer Facebook-Gruppe moralisch gut gealtert ist. Entscheidend ist, für welche Katze es gedacht ist, in welcher Situation es eingesetzt wird und ob es in diesem konkreten Fall überhaupt passt.

Spezialfutter ist weder Erlösung noch Verderben. Es ist, und das ist als Legende natürlich unerquicklich unromantisch, zunächst einmal ein Werkzeug.

Damit ist es für viele Empörungserzählungen denkbar ungeeignet. Ein Werkzeug ist kein Bösewicht. Es hat keine finsteren Absichten. Es sitzt nicht nachts im Nebel und lacht. Es kann hilfreich sein, ungeeignet sein, Grenzen haben, nicht vertragen werden, nicht gefressen werden oder durch etwas anderes ersetzt werden müssen. Aber es ist zunächst einmal einfach das: ein Werkzeug.

Bei bestimmten Erkrankungen oder Problemen kann eine angepasste Ernährung Teil des Managements sein. Nicht als Magie, nicht als Weltanschauung, sondern als ein ziemlich nüchterner Teil des Managements. Bei chronischen Nierenerkrankungen, Harnwegsproblemen,

Futtermittelunverträglichkeiten oder einzelnen Magen-Darm-Themen kann die Zusammensetzung eines Futters relevant sein. Nicht immer gleich stark. Nicht in jedem Fall ausreichend. Und selbstverständlich nicht unabhängig von Diagnose, Gesamtzustand, Akzeptanz und dem restlichen Management. Aber eben doch relevant.

Genau das scheint manche Menschen so zu kränken. Denn ein Werkzeug eignet sich nur begrenzt zum Dämon, wenn man bei der Sache ehrlich bleiben will. Und Ehrlichkeit ist in Glaubenskriegen bekanntlich selten das dekorativste Element.
Natürlich darf man Spezialfutter kritisch betrachten. Man kann Zusammensetzungen diskutieren, Akzeptanzprobleme benennen, Preise unerquicklich finden oder sich im Einzelfall gegen ein bestimmtes Produkt und sich mithilfe einer fachtierärztlichen Ernährungsberatung für auf das eigene Tier abgestimmte selbst zubereitete Rationen entscheiden. All das ist vernünftig. Unvernünftig wird es meist erst dort, wo aus kritischer Prüfung ein pauschales Verdammungsurteil wird und aus jeder Fütterungsempfehlung gleich eine ideologische Verfehlung.

Denn dann geht es längst nicht mehr um die Katze.
Dann geht es um Lagerdenken und um das sehr angenehme Gefühl, Dinge durchschaut haben zu wollen, die andere angeblich nicht sehen. Das ist menschlich nachvollziehbar, hilft aber der Katze mit Durchfall oder Allergiesymptomatik nur begrenzt weiter.

Und auch ein Nierenproblem verschwindet nicht deshalb, weil jemand unter einen Beitrag „nie im Leben würde ich so etwas füttern“ schreibt, als ließe sich der Stoffwechsel durch moralische Entrüstung einschüchtern.

Der Katzenkörper interessiert sich bekanntlich nur mäßig für Weltanschauungen. Eine Katze mit chronischer Erkrankung wird durch besonders überzeugte Kommentare nicht stabiler.
Vielleicht ist genau das der unerquicklichste Gedanke von allen: Dass man manche Fragen nicht mit moralischer Erregung lösen kann, sondern nur mit genauerem Hinsehen. Mit Diagnostik statt Dämonologie. Mit Abwägung statt Abscheu. Und mit der Bereitschaft, ein Futter nicht danach zu beurteilen, ob es in die eigene Erzählung passt, sondern ob es einer konkreten Katze in einer konkreten Situation hilft.

Sobald man also den Nebel aus Kommentarspalten, Gruppenregeln und dunklen Sponsoring-Legenden ein wenig beiseiteschiebt, bleibt etwas recht Nüchternes übrig: Spezialfutter ist meist weder Fluch noch Offenbarung. Es ist ein Werkzeug. Für bestimmte Katzen in bestimmten Situationen entwickelt, manchmal sinnvoll, manchmal ungeeignet, gelegentlich hilfreich, nicht selten unromantisch und als Monster insgesamt nur begrenzt überzeugend.

Das erklärt, warum der königliche Hügelhund bei näherem Hinsehen jedes Mal ein wenig kleiner wird.

Er verliert den goldenen Messbecher.
Dann den düsteren Nebel.
Dann die glühenden Augen.
Dann das fragwürdige Fell.
Dann den Sack Gastrointestinal.
Dann die Sponsoringrituale im Hörsaal.
Dann schließlich auch den Plasmafernseher.

Und am Ende steht dort kein finsterer Höllenhund mehr, sondern etwas sehr viel weniger Dämonisches:

ein Spezialfutter, das für manche Katzen sinnvoll sein kann und für andere nicht.

Das ist als Legende natürlich eine Enttäuschung.
Für die Katze unter Umständen nicht.

Im Ernst Leute:

Spezialfutter ist weder Erlösung noch Verrat an der Natur, sondern im besten Fall ein Werkzeug. Ob es sinnvoll ist, hängt nicht von der Meinung selbsternannter Experten im Internet ab, sondern von der jeweiligen Katze, ihrer Diagnose, ihrer Akzeptanz und dem Gesamtkontext.

Kritik an Spezialfuttern kann sinnvoll sein. Pauschale Verdammungsurteile sind es meist nicht. Wer Fütterung ernsthaft beurteilen will, braucht mehr als starke Meinungen, empörte Schlagworte und die feste Überzeugung, irgendwo hinter jeder Dose würde bereits der nächste Skandal warten.

Über die Autorin

Rabenschwarzes Fell, rabenschwarzer Humor.
Cara ist die würdige Nachfolgerin der unvergleichlichen Emma. Aus Katzenperspektive wirft sie einen ebenso ironischen wie scharfsinnigen Blick auf ihre Artgenossen, deren Menschen und die vielen Absurditäten des Internets.

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