Kleine Straßenkatze, krank, zwischen Mülltonen

„Ist halt Natur“

Warum das Leben als Straßenkatze kein romantisches Leben in Freiheit ist.

„Was ich nicht sehen will, ist auch nicht da.“

Es ist früh am Morgen. Die Straße ist noch still, irgendwo wirft jemand Glas in einem Container, ein Lieferwagen biegt um die Ecke und zwischen zwei Mülltonnen sitzt ein Kätzchen.

Es sitzt da, als wäre das normal. Als gehörte ein Katzenkind zwischen Abfalltonnen, Hauswände und parkende Autos. Das Fell ist schmutzig, die Augen sind verklebt, die Nase läuft. Der Bauch ist rund, aber nicht vom guten Futter. Eher von Würmern. Der ganze kleine Körper wirkt gleichzeitig aufgebläht und viel zu leicht. Es läuft nicht weg. Vielleicht kann es das gar nicht mehr richtig.

Ein paar Meter weiter raschelt es im Gebüsch. Noch eins.
Und irgendwo in der Nähe wahrscheinlich die Mutter. Mager, erschöpft, auf Futtersuche. Vielleicht selbst kaum mehr als ein halbes Jahr alt. Vielleicht schon wieder trächtig. Vielleicht ein Tier, dessen Körper eigentlich schon für sich selbst zu schwach ist, das aber trotzdem weiter Junge bekommen hat, weil niemand früh genug kastriert hat und sich niemand zuständig fühlte. Vielleicht ist sie auch schon tot.

Viele Menschen sehen das und sehen doch nicht hin, weil sie es nicht sehen wollen. Vielleicht kommt noch ein schulterzuckendes: „Ist halt Natur.“

Aber das ist eine seltsame Form von Natur.

Keine unberührte Landschaft. Kein fernes Wildtierleben. Kein neutrales Gleichgewicht. Diese Katzen leben zwischen Straßen, Höfen, Gärten, Müllplätzen, Garagen, Supermärkten und Industriegebieten. Mitten in einer vom Menschen geprägten Welt. Und ihr Elend entsteht nicht einfach zufällig. Es entsteht dort, wo unkastrierte Katzen Nachwuchs bekommen, wo Tiere ausgesetzt werden und wo Menschen sich ihrer Verantwortung entziehen, indem sie die Tiere sich selbst überlassen.

Das Leben als Straßenkatze ist kein romantisches Leben in Freiheit.
Es ist ein Tierschutzproblem.

Gerade bei Kitten wird das besonders deutlich. Viele sind krank, bevor sie überhaupt eine echte Chance hatten. Verklebte oder entzündete Augen, Atemwegsinfekte, Durchfall, Parasiten, Untergewicht oder Verletzungen sind keine dramatische Übertreibung, sondern Alltag.

Manche Kitten sitzen mit Katzenschnupfen unter Autos, die Augen schon halb blind und oftmals gar nicht mehr zu retten. Viele sind so schwach, dass sie keine Kraft mehr haben, zu fliehen. Andere sehen auf den ersten Blick noch halbwegs gut aus, bis man sie hochhebt und merkt, dass sie nur noch Fell und Knochen sind.

Und auch die Mutterkatzen verschwinden in solchen Bildern oft fast vollständig. Dabei geht es auch ihnen nicht gut. Viele sind selbst weder gesund noch gut genährt. Sie werden trächtig, gebären, säugen, werden wieder gedeckt und geraten in einen Kreislauf, aus dem sie ohne Hilfe kaum herauskommen. Was von außen wie „die Natur regelt das“ aussieht, ist für diese Tiere oft nichts anderes als Dauerstress und Erschöpfung.

Wenn dann der Satz fällt, „In der Natur überleben halt nur die Stärksten“, klingt das nach Nüchternheit und Realitätssinn. Tatsächlich ist es oft nur eine bequeme Form des Wegschauens.

Denn das Kitten mit vereiterten Augen ist nicht „zu schwach“. Es ist krank.
Die kleine Katze mit Wurmbauch, Durchfall und Untergewicht verliert nicht gegen ein neutrales Naturgesetz, sondern gegen Parasiten, Infektionen, Hunger und fehlende Hilfe.
Und die erschöpfte Mutterkatze wird nicht in irgendeinem heroischen Überlebenskampf „ausselektiert“, sondern oft durch wiederholte Trächtigkeiten, Mangelernährung und Dauerstress zugrunde gerichtet.

Wer in solchen Situationen von den „Stärksten“ spricht, hat die Realität nicht wirklich verstanden, sondern macht Leid abstrakt. Und damit leichter auszuhalten. Um wegschauen zu können und nicht handeln zu müssen. Allerdings wird für die Tiere das Leid dadurch nicht weniger.

Denn Straßenkatzenelend ist kein ehrliches Beispiel für ein hartes, aber gerechtes Naturprinzip. Es ist ein menschengemachtes Problem und die Folge menschlicher Verantwortungslosigkeit. Nicht kastrierte Freigänger. Ausgesetzte Tiere. Fehlende Kennzeichnung. Zu wenig oder zu spätes Handeln. Zu wenig Unterstützung für die, die versuchen, die Folgen überhaupt noch aufzufangen.

Und genau da zeigt sich das nächste Problem.

Denn selbst wenn jemand hinsieht und helfen will, ist Hilfe auch leisten zu können längst nicht selbstverständlich. Tierheime sind vielerorts voll, oft übervoll. Tierschutzvereine arbeiten seit Jahren am Limit. Es fehlt an Geld für Kastrationen, für Medikamente, für Diagnostik, für Parasitenbehandlungen, für Aufzucht, für Futter. Es fehlt an Platz. Es fehlt an Pflegestellen. Und es fehlt an Strukturen für ein Problem, das nicht neu ist und trotzdem immer wieder behandelt wird, als käme es überraschend oder sei bisher überhaupt nicht existent gewesen.

Pflegestellen klingen hier für Außenstehende oft wie eine einfache Lösung. Tatsächlich sind sie kostbar und knapp. Eine gute Pflegestelle braucht Zeit, Erfahrung, Platz, oft Quarantänemöglichkeiten und die Bereitschaft, auch kranke, scheue oder sehr junge Tiere eng zu begleiten. Teilweise rund um die Uhr. Dazu kommen psychische Belastbarkeit und Resilienz, um mit dem Leid klarzukommen, mit dem man konfrontiert wird. Und auch damit, dass man nicht alle retten kann. Das ist keine kleine Nebenaufgabe. Und die Menschen, die das leisten, tun es oft zusätzlich zu Beruf, Familie und eigenen Tieren. Viele sind längst an ihrer Grenze, lange bevor die Saison ihren Höhepunkt erreicht.

Dazu kommt der Geldmangel. Tierschutz lebt zwar von Engagement, aber nicht von Engagement allein. Kastrationen kosten. Untersuchungen kosten. Medikamente kosten. Infusionen kosten. Spezialfutter kostet. Aufzucht kostet. Wer ein unterernährtes, verschnupftes oder parasitenbelastetes Kitten versorgen will, braucht mehr als Mitgefühl. Er braucht ganz konkrete Mittel. Und genau daran fehlt es oft.

Und auch Tierarztpraxen können diese Lücke nicht einfach kostenlos schließen. Sie arbeiten nicht im luftleeren Raum, sondern mit Personal, Geräten, Material, Laboren, Miete, Energie und einer Gebührenordnung, die den Rahmen vorgibt. Gerade deshalb gerät leicht aus dem Blick, wie viel vielerorts von Tierarztpraxen und -kliniken trotzdem zusätzlich getragen wird. Behandlungen, die irgendwie noch dazwischengeschoben werden. Tiere, die stabilisiert, weiterbetreut und am Ende sogar in ein schönes, neues Zuhause vermittelt werden. Nicht als Selbstdarstellung und meist auch nicht mit viel Aufhebens darum, sondern einfach, weil sonst noch mehr Tiere durchs Raster fallen würden.

Und es ist nicht nur ein privates oder vereinsinternes Problem. Es ist auch ein politisches.

Denn die Lage der Straßenkatzen ist seit Jahren bekannt. Ebenso bekannt sind die Maßnahmen, die helfen könnten: Kastration, Kennzeichnung, Registrierung, kommunale Katzenschutzverordnungen und eine bessere strukturelle Unterstützung für Tierheime und Tierschutzvereine. Rechtlich gibt es dafür längst eine Grundlage: Nach § 13b Tierschutzgesetz können Länder in bestimmten Gebieten Verordnungen zum Schutz freilebender Katzen erlassen. Trotzdem bleibt es vielerorts bei einem Flickenteppich aus Einzelregelungen, Zuständigkeiten und Lücken.

Und eigentlich müsste auch nicht jede gefundene Katze stillschweigend am Tierschutz hängenbleiben. Für Fundtiere sind Städte und Gemeinden als Fundbehörden grundsätzlich für Unterbringung, Pflege und die Übernahme tierärztlicher Behandlungskosten zuständig. Genau bei Katzen wird aber seit Jahren immer wieder darüber gestritten, ob es sich rechtlich um ein Fundtier oder um ein herrenloses Tier handelt. Und während Zuständigkeiten diskutiert werden, muss die Katze trotzdem versorgt werden und die Kosten vom Finder oder vom jeweiligen Tierschutzverein getragen werden, der die Katze übernommen hat.

Das Problem ist also nicht nur fehlende private Verantwortung. Es ist auch eine politische Halbherzigkeit, die ein bekanntes Leid seit Jahren eher verwaltet, als es wirksam einzudämmen. Und während über Zuständigkeiten, Verordnungen und Finanzierung gesprochen wird, fangen Tierheime, Vereine, Tierarztpraxen und Ehrenamtliche die Folgen auf. Und oft genug tun sie das längst über ihrer Belastungsgrenze.

Vielleicht ist es deshalb für viele so verführerisch, alles unter dem Wort Natur zusammenzufassen. Denn wenn es einfach Natur ist, muss niemand genauer hinsehen. Dann ist ein krankes Kitten im Gebüsch kein Hinweis auf versäumte Kastration, keine Folge fehlender Verantwortung, kein Symptom eines überlasteten Tierschutzsystems. Dann ist es nur bedauerlich. Aber nicht veränderbar.

Nur stimmt das eben nicht.

Natürlich ist das Leben draußen hart. Natürlich kommen nicht alle Jungtiere durch. Aber Straßenkatzen in diesem Zustand sind nicht einfach Ausdruck eines neutralen Naturgeschehens. Sie sterben nicht abstrakt „draußen“. Sie sterben an Infektionen, an Parasiten, an Unterversorgung, an Verletzungen, an fehlender Behandlung, aufgrund fehlender Kapazitäten und oft auch daran, dass Hilfe zu spät kommt oder gar nicht mehr organisiert werden kann.

Das ist kein Schicksal, das aus dem Nichts kommt.
Es ist ein Problem, dessen Ursachen seit Langem bekannt sind.

Und deshalb beginnt Tierschutz auch nicht erst dort, wo ein halbtoter Wurf im Gebüsch liegt. Er beginnt früher. Bei der Kastration von Freigängern. Bei Kennzeichnung und Registrierung. Bei der Verantwortung für eigene Tiere. Bei kommunaler Unterstützung für Kastrationsprojekte. Bei einer besseren Finanzierung von Tierheimen und Tierschutzvereinen. Und bei der Bereitschaft, das Offensichtliche nicht mit einem einzigen Satz wegzuschieben.

Denn „Ist halt Natur“ klingt abgeklärt.
In Wahrheit ist es oft nur eine sprachliche Form des Wegsehens.

Da sitzt kein Symbol für Freiheit zwischen Mülltonnen und Hauswand.
Da sitzt kein Beweis dafür, dass sich eben nur die Stärksten durchsetzen.
Da sitzt ein krankes junges Tier, dem es schlecht geht.
Und das ist eigentlich Grund genug, nicht wegzusehen.

Zum Weiterlesen: Jetzt Katzen helfen | Deutscher Tierschutzbund

Bild: KI-generiert

Über die Autorin

Anika Abel studiert Tiermedizin an der LMU München, ist FearFree-zertifiziert und ausgebildete Katzenverhaltensberaterin. Als Pflegestelle für Kitten und eigene (chronisch) kranke Katzen hat sie im Laufe der Zeit zudem viel praktische Erfahrung sammeln können.

Sie schreibt seit über 15 Jahren Fachartikel rund um das Thema Katze, am liebsten über Katzengesundheit, Verhalten und Ernährung, und arbeitet(e) u. a. als freie Autorin für das bekannte Katzenmagazin „Geliebte Katze“ sowie das Bookazin „Pfotenhieb – Anspruchsvolles für Katzenfreunde“.

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