Cara kolumniert: In 10 Schritten zur TikTok-Katzenernährungsexpertin
Cara kolumniert
Mit Leichtigkeit zum TikTok-Katzenernährungsguru
Im Internet Fragen zur Katzenernährung zu stellen, ist manchmal so, als würde man die Büchse der Pandora öffnen. Kaum fragt jemand, welches Futter man empfehlen kann, bleiben maximal sieben Sekunden, um Popcorn bereitzustellen. Denn dann beginnt das große Kino.
Der Schlagabtausch ist heiß, glühend heiß und gespickt mit Evergreens, die von „Trockenfutter ist Gift und BARF die einzig wahre Art, Katzen zu ernähren“ bis zu „Meine Katzen bekommen schon immer das Futter von Discounter XY und sind alle über 20 geworden“ reichen. Garniert mit den All-Time-Classics wie „Tierärzte haben sowieso keine Ahnung von Ernährung“ und dem legendären Kassenschlager „Hast du schon mal ’ne Kuh mit dem Bunsenbrenner durch die Pampa laufen sehen?“ Langeweile, Fehlanzeige!
Du möchtest dir diesen Spaß nicht entgehen lassen und ebenfalls Teil der TikTok-Katzenernährungsguru-Elite werden? Hervorragend. Dann haben wir hier die ultimative Anleitung für dich, wie du mit minimalem Wissen und maximalem Selbstvertrauen deine Meinung unter die Leute bringen kannst.
1. Bezeichne dich als Expertin für Katzenernährung.
Wer im Internet etwas darstellen will, muss Expertin für irgendetwas sein. Das gilt auch für die Katzenernährung. Du hast keine ernstzunehmende Ausbildung in dem Bereich oder gar ein Studium oder eine tierärztliche Weiterbildung? Egal. Das ist sowieso völlig überbewertet. Lies dich einfach bei anderen TikTok-Katzenfuttergurus ein, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Das passt dann schon.
2. Erkläre Trockenfutter zum absoluten Teufelszeug und Todesurteil für sämtliche Katzen.
Differenzierung würde hier nur verwirren. Trockenfutter ist grundsätzlich Gift. Punkt. Wer es füttert, tötet damit seine Katze, da es der Katze das gesamte Wasser aus dem Körper entzieht und sie ins sofortige Nierenversagen treibt. Dass das physiologisch alles nicht ganz so funktioniert, ist nebensächlich.
Wissenschaft? Ist doch eh nur alles von Big Pharma und der Futtermittelindustrie gesponsert!
3. Verkünde, dass rohes Fleisch die einzig wahre Katzenernährung ist.
Als selbsternannte TikTok-Katzenernährungsexpertin muss dir eines klar sein: Rohes Fleisch ist für Katzen das einzig Wahre. Dass das allein nicht ausgewogen ist und es ein gewisses Hintergrundwissen braucht, um wirklich ausgewogene BARF-Rationen zusammenzustellen? Unwichtig!
Jemand erzählt dir etwas von Salmonellen oder multiresistenten Keimen? Pfff… sofort niederbügeln. Schließlich gilt – das hatten wir ja schon – immer und überall das ultimative Totschlagargument jeder BARF-vs.-Fertigfutter-Debatte: „Haste schon mal ’ne Katze mit dem Bunsenbrenner durch die Pampa laufen sehen?!“. Damit ist alles gesagt.
4. Analysiere dramatisch jede Futterdeklaration.
„Tierische Nebenerzeugnisse“, „Getreide“, „Zucker“ – mehr brauchst du eigentlich nicht. Analysiere jede Futtermitteldeklaration möglichst dramatisch und beginne dein Reel unbedingt mit den Worten: „Was ich euch heute erzähle, wird euch schockieren…!“ Anschließend gibst du dich so lange empört, bis auch der letzte Mensch in der Kommentarspalte verstanden hat, dass dieses Futter absolut tödlich ist. Dass DU dabei vielleicht nicht alles verstanden hast, ist völlig unwichtig. Schließlich zählt Meinung im Internet bekanntlich sehr viel mehr als Ahnung – man muss sie nur selbstbewusst vertreten.
5. Empfiehl möglichst viele Kräuter und geheimnisvolle Zusätze.
Jeder weiß: Was natürlich klingt, muss automatisch gesund sein. Streue daher möglichst viele Begriffe wie „Kräutermischung“, „Superfood“, „entgiftend“ oder „stärkt das Immunsystem“ in deine Videos ein. Was genau diese Zutaten im Katzenkörper bewirken sollen, bleibt dabei ruhig ein bisschen nebulös. Wichtig ist nur, dass es nach uraltem Wissen, ganzheitlicher Medizin und einem kleinen bisschen Magie klingt. Und falls jemand nachfragt, ob das wirklich sinnvoll ist oder die Katze vielleicht sogar vergiften könnte, erklärst du einfach empört, dass es schließlich natürlich ist – und deshalb selbstverständlich nur gesund sein kann.
6. Entwickle deine eigene Futterampel.
Futterampel kommt immer gut. Schließlich braucht echte Expertise ein Bewertungssystem. Ordne Katzenfutter daher einfach in die Kategorien Grün, Gelb und Rot ein. Grün steht für das Futter, das du gerade fütterst (oder verkaufst). Gelb für alles, bei dem du dir auch nicht so im Klaren darüber bist, was du davon halten sollst. Und Rot für den gesamten Rest des Marktes. Wie genau du zu dieser Bewertung kommst, bleibt dein gut gehütetes Expertengeheimnis. Aber wer wirklich verstehen will, warum welches Futter welche Farbe bekommt, kann sich das natürlich ausführlich in deinem kostenpflichtigen Onlinekurs erarbeiten.
7. Biete ein nichtssagendes Freebie an – und verkaufe dann einen Kurs.
Dir folgen noch keine 200.000 Katzenliebhaber auf TikTok? Dann biete unbedingt ein maximal investigatives Freebie mit möglichst schockierendem Titel an. Wie wäre es zum Beispiel mit: „Die 5 größten Katzenfutter-Lügen, die dir deine Tierärztin erzählt.“ Darin erklärst du noch einmal ausführlich, dass Trockenfutter absolutes Gift ist, BARF alternativlos und Kräuter unbedingt ihren festen Platz in der Katzenernährung haben müssen. Betone dabei unbedingt, dass Katzenernährung wahnsinnig komplex ist und man das natürlich unmöglich in einem kostenlosen PDF vollständig erklären kann. Zum Glück gibt es dafür ja DEINEN und NUR DEINEN Onlinekurs. Schließlich sollen deine Follower MIT LEICHTIGKEIT am Ende auch echte Experten werden. Ganz genau wie du.
8. Diskreditiere sämtliche Tierärzt*innen konsequent bei Ernährungsfragen.
Dieser Punkt ist absolut essenziell. Schließlich könnte sonst noch jemand auf die Idee kommen, echte Fachleute zu fragen. Erkläre daher möglichst oft, überzeugend und mit leichtem Bedauern, dass Tierärzt*innen von Katzenernährung leider überhaupt keine Ahnung haben. Schließlich hätten sie im Studium maximal eine Vorlesung darüber gehört (Staatsexamensprüfung in Tierernährung? Pfff!) – im Gegensatz zu dir, die schließlich mehrere TikTok-Videos und mindestens drei Blogartikel zum Thema gelesen hat.
Betone außerdem immer wieder, dass Tierärzt*innen von der Futtermittelindustrie gesponsert werden und nur deshalb bestimmte Produkte empfehlen. Du hingegen bist selbstverständlich völlig unabhängig – und deshalb natürlich die deutlich vertrauenswürdigere Quelle. Ja, selbstverständlich auch dann, wenn du nebenbei per Schneeballsystem Katzenfutter vertickst.
9. Sorge für ausreichend Angst.
Der Klassiker: Erzähle Katzenhalter*innen möglichst eindringlich, dass sie ihre Katze jahrelang komplett falsch ernährt haben. Schuldgefühle sind schließlich ein hervorragender Motor für Kursverkäufe. Betone daher regelmäßig, wie gefährlich Futter ABC ist und dass viele Menschen ihre Katzen unwissentlich krank füttern und Krokette für Krokette in den sicheren frühen Tod treiben. Je dramatischer das klingt, desto besser. Schließlich sollen deine Follower am Ende überzeugt sein, dass nur dein Expertenwissen ihre Katze noch retten kann.
10. Baue dir eine treue Community auf und bilde neue Expert*innen aus.
Wahre Internet-Expertise lebt nicht von Wissen, sondern von Reichweite. Sorge also dafür, dass deine Follower deine Inhalte fleißig liken, teilen und in jeder Kommentarspalte verteidigen. Wenn jemand deine Aussagen hinterfragt, wird deine Community schon erklären, dass diese Person entweder von der Futtermittelindustrie bezahlt wird oder schlicht keine Ahnung hat.
Und wenn deine treuesten Fans lange genug deine Videos geschaut haben, ist es schließlich an der Zeit für den nächsten Schritt: deinen Kurs. Dort können sie dann lernen, wie auch sie selbst zu zertifizierten TikTok-Katzenernährungsgurus werden, um dein Wissen – pardon – deine Meinung weiter in die Welt zu tragen.
Du hast alle Punkte umgesetzt? Hervorragend. Dann steht deiner Karriere als TikTok-Ernährungsguru nichts mehr im Weg.
Im Ernst Leute:
Katzenernährung ist ein unglaublich wichtiges Thema, das unheimlich komplex sein kann, bei dem man aber vieles auch einfach differenziert betrachten muss. Dafür braucht es Hintergrundwissen, das die Mehrzahl dieser selbsternannten Katzenfutterexpert*innen aber schlicht nicht hat.
Daher: Glaubt nicht alles, was im Internet erzählt wird. Recherchiert, hinterfragt und vertraut im Zweifelsfall lieber der fachtierärztlichen Ernährungsberatung als Menschen, die sich nach einem Wochenendkurs (oder manchmal nicht mal dem) als Experten darstellen und im Internet ihre Meinung als allgemeingültige und unumstößliche Wahrheit darstellen.
Das Allerwichtigste an einem Katzenfutter ist, dass es ausgewogen ist, den Energiebedarf eurer Katzen deckt und eure Haustiger mit allen notwendigen Nährstoffen im richtigen Verhältnis versorgt. Das ist sowohl mit BARF (vorausgesetzt, man weiß, was man tut) als auch mit Alleinfuttermitteln möglich.
Trockenfutter ist dabei absolut kein Muss, kann aber durchaus in kleineren Mengen im Rahmen von Activity Feeding oder als Leckerli gereicht werden, ohne dass man Angst haben muss, damit den eigenen Stubentiger umzubringen. Da ist das Risiko bei manchen vielleicht auf den ersten Blick gesünder erscheinenden Alternativen teilweise deutlich höher, die von solchen Möchtegern-Experten gerne propagiert werden.










