Besitzverhältnisse

Cara kolumniert

Besitz­ver­hältnisse

Über Eigentum, Fehlurteile und andere Störungen der häuslichen Ordnung.

Der Vorfall mit der Decke begann, wie die meisten Störungen der häuslichen Ordnung, mit einer Servicekraft, die ihre Zuständigkeiten falsch einschätzte.

Es war später Nachmittag. Die Wohnung hatte sich in jene stille Ruhe zurückgezogen, die Räume annehmen, wenn der Tag noch nicht vorbei, aber im Wesentlichen entschieden ist. Ich lag auf dem Sofa. Nicht demonstrativ. Nicht dekorativ. Ich lag dort mit der Selbstverständlichkeit eines Wesens, das keinen Anlass sieht, seine Anwesenheit zu rechtfertigen.

Unter mir lag die graue Wolldecke.

Die graue Wolldecke ist seit Längerem von Bedeutung. Sie ist weich, ausreichend warm und frei von jenen gestalterischen Einfällen, mit denen Menschen gelegentlich versuchen, den Haushalt interessant zu machen. Sie hatte sich bewährt und war damit in meinen Besitz übergegangen.

In diese wohletablierte Ordnung hinein trat die Servicekraft an das Sofa.

Sie sah mich an.
Sie sah die Decke an.
Man konnte ihr beim Denken zusehen. In ihrem Kopf setzte sich langsam ein kleines Räderwerk in Bewegung, das wenig später einen Fehler von beachtlicher Tragweite hervorbringen sollte.

„Cara“, sagte sie schließlich, „ich brauche die Decke.“

Ich hob den Kopf und blinzelte mit einem Auge.

Brauchen ist ein großes Wort. Menschen verwenden es gern, wenn sie frieren, sich langweilen oder plötzlich den Eindruck haben, ein Gegenstand sei noch verfügbar, obwohl längst eine Katze darauf liegt. Ich bestreite nicht, dass ihnen die Sache in diesem Moment wichtig vorkommt. Aber Wichtigkeit ist kein Eigentumsnachweis.

„Ich brauche die Decke“, sagte die Servicekraft noch einmal, langsamer diesmal, als sei nicht ihre Argumentation lückenhaft, sondern mein Verständnis.

Es gibt in jedem geordneten Haushalt Augenblicke, in denen klar wird, dass nicht mehr über Stoff gesprochen wird, sondern über Grundsätze.

Menschen haben ein auffallend primitives Verhältnis zum Besitz. Sie glauben, ein Gegenstand gehöre ihnen, weil sie ihn gekauft, gewaschen oder irgendwann ins Haus getragen haben. Das ist aus menschlicher Sicht vielleicht ein Anfang. Aus meiner Sicht ist es vor allem eine sehr frühe Entwicklungsstufe.

Wirklicher Besitz entsteht anders.

Durch Nutzung.
Durch Nähe.
Durch Verlässlichkeit.
Vor allem aber durch die Kraft der sichtbaren Tatsache.

Ich lag auf der Decke.

Mehr Beweisführung war nicht nötig.

Die Servicekraft griff nach einer Ecke der Decke und zog.

Nicht grob. Nur vorsichtig. Mit jener tastenden Bewegung, mit der Menschen testen, ob ein Übergriff kleiner wirkt, wenn man ihn höflich beginnt.

Ich blieb liegen.

Das war keine Bequemlichkeit. Es war die Weigerung, einen Fehler durch Bewegung zu belohnen.

Die Decke verschob sich leicht unter mir. Ich antwortete mit einem Blick, der deutlich genug machte, dass wir hier einen Fehler in Echtzeit betrachteten. Die Servicekraft zog noch einmal, nun mit jener stillen Beharrlichkeit, die Menschen entwickeln, wenn sie bereits ahnen, dass sie unrecht haben, aber hoffen, es ließe sich durch Fortsetzung in Wahrheit verwandeln.

Ich vergrößerte mein Gewicht.

Menschen halten Gewicht für eine rein körperliche Eigenschaft. Das ist technisch nicht falsch, aber es greift zu kurz. Wahres Gewicht ist auch eine Haltung. Ein Entschluss. Eine Form von moralischer Verdichtung. Ich wurde nicht schwerer. Ich machte nur deutlicher, dass ich nicht vorhatte nachzugeben.

Dann entstand jene kurze Stille, in der beide Seiten begreifen, dass es längst nicht mehr um eine Decke geht. Es ging um die Frage, ob Besitz durch Wunsch aufgehoben werden kann oder ob die Realität dabei ein Mitspracherecht hat.

Die Servicekraft seufzte.

Menschen seufzen häufig an dem Punkt, an dem Realität anfängt, ihnen lästig zu werden.

„Na gut“, sagte sie schließlich. „Dann eben nicht.“

Und das ist, bei aller Kritik, der Grund, weshalb man sie im Haushalt dulden kann. Gelegentlich akzeptieren sie Tatsachen. Nicht aus Einsicht, aber immerhin aus Erschöpfung.

Die Angelegenheit hätte dort enden können, wenn die Servicekraft nicht wenig später mit einem Kissen zurückgekehrt wäre.

Mit einem Kissen.

Es gehört zu den schwächeren Seiten des menschlichen Denkens, Ersatz für eine Lösung zu halten. Sie legte das Kissen neben mich und sagte mit vorsichtiger Zuversicht: „Hier. Das ist doch auch weich.“

Ich sah das Kissen an.

Es war weich. Das sprach für das Kissen. Es sprach aber nicht gegen meine Decke. Menschen verwechseln Alternativen oft mit Ansprüchen. Nur weil etwas ebenfalls brauchbar ist, hört das Bessere nicht auf, mir zu gehören.

Ich sah dann die Servicekraft an.

Und weil ich selbst in kritischen Lagen zu konstruktiven Lösungen neige, stand ich auf. Langsam. Mit Würde. Mit jener Ruhe, die Menschen regelmäßig als Einlenken missverstehen, kurz bevor sie feststellen, dass sie lediglich einer Ausweitung der Verhältnisse zugesehen haben.

Ich trat auf das Kissen und setzte mich darauf.

Die Servicekraft lächelte sofort.

Das war voreilig.

Denn selbstverständlich hatte ich damit die Decke nicht freigegeben. Ich hatte lediglich das Kissen zusätzlich übernommen.

Das ist der Punkt, an dem menschliches Denken oft zusammenbricht. Menschen stellen sich Besitz gern als etwas Einfaches vor: ein Ding, ein Besitzer, Ende. In Wahrheit verhält sich Besitz eher wie ein Territorium. Er hat ein Zentrum, Randbereiche und Zonen, die durch bloße Berührung hinreichend gesichert sind.

„Siehst du“, sagte die Servicekraft und griff erneut nach der Decke.

Ich legte eine Pfote darauf.

Nicht schnell. Nicht nervös. Nur präzise.

Wie eine Unterschrift.

Die Servicekraft hielt inne und sah auf meine Pfote hinab, als habe sie dort plötzlich eine Sprache entdeckt, die sie nie gelernt hatte.

„Ehrlich jetzt?“, fragte sie.

Ich fand die Frage nicht besonders stark. Ehrlichkeit war zu keinem Zeitpunkt das Problem gewesen. Ich hatte meine Position offen vertreten. Ich hatte nichts verschleiert. Wenn in diesem Raum jemand so tat, als ließe sich Besitz durch bloßes Zugreifen neu ordnen, dann wohl kaum ich.

Am Ende nahm sich die Servicekraft eine andere Decke.

Sie war dünner, blasser und von einer Trostlosigkeit, wie man sie sonst nur aus Krankenhäusern kennt, aber das war nicht mein Problem. Ich sehe nicht ein, warum ich mich mit den Folgen fremder Fehleinschätzungen belasten sollte.

Später am Abend kehrte die Servicekraft zurück und wollte ihren Platz auf dem Sofa.

Zu diesem Zeitpunkt lag ich halb auf dem Kissen, halb auf der Decke und mit dem Rückenbereich auf einer Zeitung, die kurz zuvor noch gelesen worden war und nun endlich einer sinnvollen Verwendung diente. Die Servicekraft blieb stehen, betrachtete die Lage und sagte: „Cara. Jetzt ist aber wirklich alles besetzt.“

Ich sah sie an.

Natürlich war alles besetzt.

Das war ja die Aufgabe gewesen.

Menschen neigen dazu, freie Flächen für einen natürlichen Zustand zu halten. Das ist einer ihrer grundlegenden Irrtümer. Leere ist kein Ideal. Leere ist nur ungenutzte Möglichkeit, und ungenutzte Möglichkeiten führen im Haushalt fast immer zu schlechten Entscheidungen.

Menschen glauben außerdem, Besitz sei etwas Abstraktes. Etwas mit Belegen, Verträgen und Schubladen, in denen Papier langsam den Sinn des Lebens verliert. In Wahrheit ist Besitz etwas Sichtbares. Etwas Warmes. Etwas, das nicht diskutiert, sondern festgestellt wird.

Ein Sofa gehört nicht dem, der es gekauft hat.
Es gehört dem, der seine Funktion am überzeugendsten offenlegt.

Eine Decke gehört nicht dem, der sie wäscht.
Sie gehört dem, unter dem sie warm wird.

Ein Kissen gehört nicht dem, der es hinlegt.
Es gehört dem, der es adelt.

Und ein Mensch gehört, jedenfalls in den stilleren Abendstunden, durchaus dem Wesen, das beschlossen hat, auf ihm zu schlafen.

Es geht dabei nicht um Grausamkeit.

Es geht um Ordnung.

Und Ordnung beginnt, wie jede vernünftige Ordnung, genau dort, wo ich beschlossen habe, sie vorübergehend zu verkörpern.

Im Ernst Leute:

Nicht jede Besitzfrage ist bloß Marotte. In einem Katzenhaushalt sind wichtige Ressourcen nicht einfach nette Extras, sondern Teil eines verlässlichen Alltags. Dazu gehören mehr als nur irgendwo vorhandenes Futter und ein halbwegs freier Platz auf dem Sofa.

Wenn Katzen im eigenen Heim leben, braucht es in der Regel mindestens eine Katzentoilette mehr als Katzen im Haushalt. Es braucht ausreichend Liegeplätze, Kratzgelegenheiten und Rückzugsorte für jede einzelne Katze. Es braucht für jede Katze einen eigenen Futternapf. Und es braucht verschiedene Trinkgelegenheiten, am besten so platziert, dass sie nicht direkt neben Futter oder Katzentoilette stehen.

Dazu kommt etwas, das Menschen leicht übersehen: Katzen brauchen nicht nur Versorgung, sondern oft auch passend verteilte Aufmerksamkeit und ungestörte Ruhe. Das kann bedeuten, dass jede Katze Zeit mit ihrem Menschen bekommt, ohne konkurrieren zu müssen, und ebenso Zeit für sich, ohne bedrängt zu werden.

Mit Leichtigkeit zum Katzenernährungsguru

Cara kolumniert

Mit Leichtig­keit zum Kat­zen­er­nähr­­ungs­­guru

 

Ein kurzer Leitfaden für alle, die mit Halbwissen, Selbstgewiss­heit und Internet­an­schluss Großes vorhaben.

Es gibt im Internet viele gefährliche Orte. Sümpfe aus Halbwissen. Tiefe Schluchten aus Kommentarspalten. Regionen, in denen seit Jahrhunderten die Vernunft verschollen ist. Und dann, inmitten all dieses Wahnsinns … die Frage, die das Internet regelmäßig in seinen Grundfesten erschüttert:

„Welches Katzenfutter könnt ihr empfehlen?“

Wer sie stellt, beginnt nicht einfach nur eine Diskussion. Er zieht den Stöpsel aus der Badewanne der zivilisierten Welt und blickt direkt hinein in einen brodelnden Kessel aus Glaubenssätzen, Empörung und Menschen, die seit drei Tagen ein Ringlicht besitzen und sich deshalb berufen fühlen, über die Biologie obligater Karnivoren zu sprechen.

Kaum ist die Frage online, bleiben ungefähr sieben Sekunden, um sich zurückzulehnen, Popcorn zu holen und gegebenenfalls Schutzkleidung anzulegen. Dann beginnt das Schauspiel.

Es ist ein vertrautes Stück, das in unzähligen Wiederaufführungen gegeben wird. Die Rollen sind klar verteilt. Irgendwo deklamiert jemand, Trockenfutter sei Gift, BARF die einzig wahre, naturgewollte und vermutlich von kosmischen Kräften abgesegnete Form der Katzenernährung. Auf der anderen Seite steht eine Person, die berichtet, ihre Katzen hätten seit Jahrzehnten Futter von Discounter XY bekommen und seien alle 20 geworden, was im Internet zuverlässig als kontrollierte Langzeitstudie gilt . Dazwischen fliegen die großen Klassiker durch den Raum: Tierärzt*innen hätten von Ernährung keine Ahnung, die Futtermittelindustrie ziehe im Hintergrund die Fäden, und irgendwann fällt zuverlässig der Satz mit der Katze, dem Bunsenbrenner und der Pampa, der seit Jahren mit einer Überzeugung vorgetragen wird, als sei er einst vom Amt für biologische Artgerechtheit geprüft, in Stein gemeißelt und dem Internet zur ewigen Wiederholung übergeben worden.

Kurz: Es ist alles da, was man für gute Unterhaltung braucht.

Und vielleicht denkst du dir nun: Das ist genau mein Ding.
Vielleicht möchtest auch du aufsteigen in den erlauchten Kreis jener Katzenernährungsgurus, die mit einer Mischung aus Selbstgewissheit, dramatischer Musik und zweifelhaften Quellenlage das digitale Abendland prägen.

Dann bist du hier genau richtig. In diesem praktischen Leitfaden erklären wir dir, wie du in 10 Schritten zum ultimativen Katzenernährungsguru wirst.

Es gibt im Internet viele gefährliche Orte. Sümpfe aus Halbwissen. Tiefe Schluchten aus Kommentarspalten. Regionen, in denen seit Jahrhunderten die Vernunft verschollen ist. Und dann, inmitten all dieses Wahnsinns … die Frage, die das Internet regelmäßig in seinen Grundfesten erschüttert:

„Welches Katzenfutter könnt ihr empfehlen?“

Wer sie stellt, beginnt nicht einfach nur eine Diskussion. Er zieht den Stöpsel aus der Badewanne der zivilisierten Welt und blickt direkt hinein in einen brodelnden Kessel aus Glaubenssätzen, Empörung und Menschen, die seit drei Tagen ein Ringlicht besitzen und sich deshalb berufen fühlen, über die Biologie obligater Karnivoren zu sprechen.

Kaum ist die Frage online, bleiben ungefähr sieben Sekunden, um sich zurückzulehnen, Popcorn zu holen und gegebenenfalls Schutzkleidung anzulegen. Dann beginnt das Schauspiel.

Es ist ein vertrautes Stück, das in unzähligen Wiederaufführungen gegeben wird. Die Rollen sind klar verteilt. Irgendwo deklamiert jemand, Trockenfutter sei Gift, BARF die einzig wahre, naturgewollte und vermutlich von kosmischen Kräften abgesegnete Form der Katzenernährung. Auf der anderen Seite steht eine Person, die berichtet, ihre Katzen hätten seit Jahrzehnten Futter von Discounter XY bekommen und seien alle 20 geworden, was im Internet zuverlässig als kontrollierte Langzeitstudie gilt.

Dazwischen fliegen die großen Klassiker durch den Raum: Tierärzt*innen hätten von Ernährung keine Ahnung, die Futtermittelindustrie ziehe im Hintergrund die Fäden, und irgendwann fällt zuverlässig der Satz mit der Katze, dem Bunsenbrenner und der Pampa, der seit Jahren mit einer Überzeugung vorgetragen wird, als als sei er einst vom Amt für biologische Artgerechtheit geprüft, in Stein gemeißelt und dem Internet zur ewigen Wiederholung übergeben worden.

Kurz: Es ist alles da, was man für gute Unterhaltung braucht.

Und vielleicht denkst du dir nun: Das ist genau mein Ding.
Vielleicht möchtest auch du aufsteigen in den erlauchten Kreis jener Katzenernährungsgurus, die mit einer Mischung aus Selbstgewissheit, dramatischer Musik und zweifelhaften Quellenlage das digitale Abendland prägen.

Dann bist du hier genau richtig. In diesem praktischen Leitfaden erklären wir dir, wie du in 10 Schritten zum ultimativen Katzenernährungsguru wirst.

1) Ernenne dich selbst zur Expertin für Katzenernährung

Das Internet liebt vor allem eines: Titel, die niemand überprüft.

Wenn du also im Bereich Katzenernährung etwas werden willst, brauchst du keine langwierige Ausbildung, kein belastbares Hintergrundwissen und schon gar keine tiefergehende Beschäftigung mit Nährstoffbedarfen, Rationsberechnung oder Physiologie. Das wäre nur unnötig aufwendig und könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass du beginnst, Dinge differenziert zu betrachten.

Nein, du brauchst vor allem das unerschütterliche Gefühl, recht zu haben.

Schreibe „Expertin für Katzenernährung“ in deine Biografie und vergiss auf keinen Fall die Katzen-Emojis. Viele Katzen-Emojis. Lies ein paar Beiträge anderer selbsternannter Futterorakel, übernimm ihre Schlagworte und wiederhole alles mit fester Stimme. Im Internet gilt seit Langem die eiserne Regel: Wer oft genug entschlossen seine Meinung kundtut, wird irgendwann für kompetent gehalten.

2) Erkläre Trockenfutter zum Werk finsterer Mächte.

Jede Glaubensbewegung braucht einen Dämon, und in der Katzenernährungswelt ist Trockenfutter ein besonders praktischer.

Es ist trocken, es knuspert und es ist damit ideal geeignet, zur Quelle allen Übels erklärt zu werden. Sag auf keinen Fall, dass man die Gabe je nach Einsatzbereich, Fütterungssituationen und Zusammensetzung individuell betrachten muss. Das wäre der Anfang vom Ende. Sage stattdessen, dass Trockenfutter der Katze augenblicklich alles Wasser aus dem Körper entzieht, die Nieren in dramatischer Verzweiflung aufgeben lässt und direkt in den metabolischen Untergang führt.

Dass das physiologisch so nicht haltbar ist, spielt keine Rolle. Wissenschaft ist ohnehin mit Vorsicht zu genießen, besonders wenn sie nicht bestätigt, was du ohnehin schon sagen wolltest. Und wenn jemand mit Studien kommt, die etwas anderes besagen, zieh einfach die Karte „Big Pharma und Futtermittelindustrie“. Damit kannst du zwar nicht sachlich argumentieren, aber du vernebelst zuverlässig das eigentliche Thema.

3) Verkünde rohes Fleisch als einzigen Weg zur Wahrheit

Als angehende Hohepriesterin der Katzenernährung musst du verstehen, dass Rohfleisch im Internet nie einfach nur Rohfleisch ist. Es ist ein Glaubensbekenntnis.

Dass eine ausgewogene Rohfütterung Fachwissen erfordert, dass Muskelfleisch allein keine bedarfsdeckende Ration ergibt und dass Hygienefragen durchaus real sein können, sind Details. Und Details sind die natürlichen Feinde jeder großen Erweckungserzählung.

Sprich also mit ruhiger Überlegenheit aus, rohes Fleisch sei das einzig Artgerechte. Wer auf Risiken wie Salmonellen, Fehlversorgungen oder multiresistente Keime hinweist, hat offenkundig den Geist der Wildnis nicht verstanden. Dann bringe das große Totschlagargument. Du kennst es. Alle kennen es. Es ist das rhetorische Äquivalent eines Vorschlaghammers in einer Porzellanausstellung:

„Hast du schon mal ’ne Katze mit dem Bunsenbrenner durch die Pampa laufen sehen?“

Damit ist zwar nichts geklärt, aber für einen bemerkenswerten Moment sind alle so beschäftigt mit dem Bild, dass niemand mehr nach Nährstoffprofilen fragt.

4) Analysiere Futterdeklarationen mit angemessenem Entsetzen

Hier braucht es vor allem Schauspiel.

Du musst nicht wirklich verstehen, was hinter Begriffen wie „tierische Nebenerzeugnisse“, „Getreide“ oder „Zucker“ in der Deklaration jeweils konkret steckt. Entscheidend ist, dass du sie behandelst, als hättest du auf der Rückseite einer Dose soeben einen handfesten Skandal entdeckt.

Beginne jedes Reel mit einem Ge­sichts­aus­druck, als hätte dir jemand persönlich ins Herz gepfeffert, und verkünde:
„Was ich euch heute zeige, wird euch schockieren.“

Dann lies einzelne Bestandteile vor, als hätte das Etikett dich persönlich beleidigt. Steigere deine Empörung sorgfältig und in gut sichtbaren Stufen, bis auch die letzte Person in den Kommentaren verstanden hat, dass dieses Futter nicht bloß suboptimal ist, sondern aus jener Ecke der Katzenernährung stammt, in der seit Langem niemand mehr das Licht angemacht hat.

Dass du selbst nicht ganz durchdrungen hast, was dort eigentlich steht, ist nebensächlich. Im digitalen Raum zählt die Meinung oft mehr als der Inhalt. Besonders dann, wenn sie mit hinreichender Empörung vorgetragen wird.

4) Analysiere Futterdeklarationen mit angemessenem Entsetzen

Hier braucht es vor allem Schauspiel.

Du musst nicht wirklich verstehen, was hinter Begriffen wie „tierische Nebenerzeugnisse“, „Getreide“ oder „Zucker“ in der Deklaration jeweils konkret steckt. Entscheidend ist, dass du sie behandelst, als hättest du auf der Rückseite einer Dose soeben einen handfesten Skandal entdeckt.

Beginne jedes Reel mit einem Ge­sichts­aus­druck, als hätte dir jemand persönlich ins Herz gepfeffert, und verkünde:
„Was ich euch heute zeige, wird euch schockieren.“

Dann lies einzelne Bestandteile vor, als hätte das Etikett dich persönlich beleidigt. Steigere deine Empörung sorgfältig und in gut sichtbaren Stufen, bis auch die letzte Person in den Kommentaren verstanden hat, dass dieses Futter nicht bloß suboptimal ist, sondern aus jener Ecke der Katzenernährung stammt, in der seit Langem niemand mehr das Licht angemacht hat.

Dass du selbst nicht ganz durchdrungen hast, was dort eigentlich steht, ist nebensächlich. Im digitalen Raum zählt die Meinung oft mehr als der Inhalt. Besonders dann, wenn sie mit hinreichender Empörung vorgetragen wird.

5) Halte dich an die eiserne Regel: Hauptsache, keine Chemie!

Nichts wirkt glaubwürdiger als ein Begriff, der zugleich naturverbunden und angenehm unbestimmt klingt.

„Kräutermischung“ funktioniert ausgezeichnet. „Superfood“ auch. „Entgiftend“ ist ein Dauerbrenner. „Stärkt das Immunsystem“ geht immer. Je weniger präzise die Aussage, desto schöner kann sie in alle Richtungen leuchten.

Erkläre dabei besser nicht zu genau, was diese Dinge im Katzenkörper eigentlich bewirken sollen. Präzision ist riskant, denn sie lädt zu Nachfragen ein. Bleibe stattdessen in jenem wunderbar dunstigen Bereich zwischen „uraltem Wissen“, „Ganzheitlichkeit“ und „Ich habe dazu einmal etwas auf einem besonders ästhetischen Instagram-Slide gelesen“.

Und falls jemand vorsichtig anmerkt, dass manche Pflanzen für Katzen ungeeignet oder sogar problematisch sein können, greife zu deiner moralischen Hauptwaffe: Empörung. Etwas Natürliches kann schließlich unmöglich schaden. Das ist biologisch ungefähr so belastbar wie ein Kartenhaus im Windkanal, aber das muss dich nicht kümmern. Hauptsache, keine böse Chemie!

6) Diskreditiere Tierärzt*innen mit bedauerndem Unterton

Dieser Punkt ist unverzichtbar. Denn bevor du Menschen verunsichern, belehren und später kostenpflichtig erlösen kannst, musst du ein anderes Problem aus der Welt schaffen: dass sie Fachleute um Rat fragen könnten.

Sage daher möglichst oft, Tierärzt*innen hätten von Ernährung leider praktisch keine Ahnung. Trage das mit dem tiefen Bedauern einer Person vor, die schwere Wahrheiten verkünden muss. Lass beiläufig fallen, im Studium sei das ja kaum Thema. Über Staatsexamensprüfungen, weiterführende Qualifikationen oder fachtierärztliche Ernährungsberatung muss man in diesem Zusammenhang wirklich nicht unnötig sprechen. Das würde nur stören.

Viel wichtiger ist die Behauptung, Tierärzt*innen seien von der Futtermittelindustrie beeinflusst. Diese These ist im Internet ungefähr so robust wie Unkraut zwischen Pflastersteinen. Du hingegen bist natürlich vollkommen unabhängig. Selbst dann, wenn du nebenbei Nahrungs­ergänzungs­mittel, Kräutermischungen oder Katzenfutter in einem Geschäftsmodell vertreibst, das auffällig viele Empfehlungslinks und auffällig wenig Distanz enthält.

7) Arbeite mit Angst und subtiler Schuldzuweisung

Nun kommen wir zum eigentlichen Herzstück jeder erfolgreichen Ernährungspanik, nämlich zur emotionalen Dramaturgie.

Erzähle den Menschen, dass sie ihre Katze womöglich seit Jahren falsch ernähren. Sage es nicht zu direkt, sondern mit genau jener Mischung aus Sorge und stiller Überlegenheit, in der Schuldgefühle besonders zuverlässig gedeihen. Wiederhole, wie gefährlich Futter ABC sei. Sprich davon, dass unzählige Katzen unwissentlich krank gefüttert würden. Male aus, wie Krokette für Krokette der frühe Tod näher rückt und die Nieren allmählich zu kleinen Trockenfrüchten des Elends zusammenschrumpfen.

Je dramatischer die Formulierung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende jemand dein Produkt oder deinen Kurs kauft oder zumindest deine Story speichert.

Angst ist im Internet eine erstaunlich verlässliche Währung. Sie lässt sich leicht erzeugen, hervorragend teilen und nur mit Mühe wieder einfangen.

8) Erfinde eine Futterampel.

Jede ernstzunehmende Scheinexpertise braucht ein System.

Also entwickelst du eine Futterampel. Ampeln sind wunderbar, weil sie Komplexität auf Farben reduzieren und Farben bekanntlich mehr Überzeugungskraft besitzen als Rationsberechnungen.

Grün bekommt das Futter, das du gerade selbst fütterst, magst oder verkaufst. Gelb erhält alles, bei dem du noch nicht entschieden hast, ob es verdammenswert oder monetarisierbar ist. Rot bleibt für den gesamten Rest des Marktes reserviert, also für alles, was gerade nicht in dein Konzept passt.

Wie genau du zu diesen Bewertungen kommst, bleibt selbstverständlich dein wohlgehütetes Expertengeheimnis. Transparenz ist schließlich nur etwas für Menschen, die überprüfbar sein wollen. Wer Genaueres wissen möchte, kann sich die Hintergründe in deinem Onlinekurs erarbeiten, in dem du dann mit ernster Miene erklärst, warum ausgerechnet die Futtermarke grün ist, die es zufällig. in deinem Shop zu kaufen gibt.

8) Erfinde eine Futterampel.

Jede ernstzunehmende Scheinexpertise braucht ein System.

Also entwickelst du eine Futterampel. Ampeln sind wunderbar, weil sie Komplexität auf Farben reduzieren und Farben bekanntlich mehr Überzeugungskraft besitzen als Rationsberechnungen.

Grün bekommt das Futter, das du gerade selbst fütterst, magst oder verkaufst. Gelb erhält alles, bei dem du noch nicht entschieden hast, ob es verdammenswert oder monetarisierbar ist. Rot bleibt für den gesamten Rest des Marktes reserviert, also für alles, was gerade nicht in dein Konzept passt.

Wie genau du zu diesen Bewertungen kommst, bleibt selbstverständlich dein wohlgehütetes Expertengeheimnis. Transparenz ist schließlich nur etwas für Menschen, die überprüfbar sein wollen. Wer Genaueres wissen möchte, kann sich die Hintergründe in deinem Onlinekurs erarbeiten, in dem du dann mit ernster Miene erklärst, warum ausgerechnet die Futtermarke grün ist, die es zufällig. in deinem Shop zu kaufen gibt.

9) Verschenke ein Freebie und verkaufe dann die Erlösung

Noch keine riesige Community? Kein Problem. Das Internet hat für alles eine Lösung, und in diesem Fall heißt sie: Freebie mit maximal alarmierendem Titel.

Etwa:

„Die 5 größten Katzenfutter-Lügen, die dir deine Tierärztin regelmäßig auftischt.“

Oder:

„Warum du deine Katze vielleicht seit Jahren falsch fütterst, ohne es zu merken.“

In diesem PDF wiederholst du dann einfach alles, was du ohnehin schon gesagt hast: Trockenfutter böse, BARF heilig, Kräuter geheimnisvoll segensreich. Anschließend betonst du mit sorgenvoller Stimme, dass Katzenernährung ein unglaublich komplexes Thema sei, das man in einem kostenlosen Dokument unmöglich vollständig erklären könne.

Welch glücklicher Zufall, dass es dafür deinen Kurs gibt.

Dort lernen die Menschen dann nicht nur, die Dinge endlich richtig einzuordnen, sondern auch, selbst zu genau jener Art von Expertin zu werden, wie du eine bist: ausgestattet mit Überzeugung, WLAN und der seltenen Gabe, fehlendes Wissen mit maximaler Empörung als Unabhängigkeit zu verkaufen.

10) Bau dir eine Community auf und lass sie neue Gurus hervorbringen.

Am Ende zählt nicht Wissen. Am Ende zählt Reichweite.

Sorge also dafür, dass deine Community deine Inhalte verteidigt wie eine mittelalterliche Festung ihre letzten Vorräte. Wenn jemand es wagt, nach Quellen, Einordnung oder Differenzierung zu fragen, werden deine treuesten Anhänger*innen schon erklären, diese Person werde entweder von der Futtermittelindustrie bezahlt oder sei einfach noch nicht aufgewacht.

Und sobald deine Fans lange genug deinen Content konsumiert haben, folgt der nächste logische Schritt: die Vervielfältigung des Systems.

In deinem Kurs lernen sie dann, selbst zu genau jener Art von Katzenernährungsguru zu werden, die das Internet mit so rührender Regelmäßigkeit hervorbringt. So kann deine Meinung weitergetragen werden, von Algorithmus zu Algorithmus, von Kommentarspalte zu Kommentarspalte, bis schließlich niemand mehr genau weiß, woher eine Behauptung eigentlich kam, aber alle sicher sind, dass sie irgendwo einmal sehr überzeugend vorgetragen wurde.

Und das, liebe Leute, ist im Internet oft schon fast dasselbe wie die Wahrheit.

Im Ernst Leute:

Katzenernährung ist ein unglaublich wichtiges Thema, das unheimlich komplex sein kann, bei dem man aber vieles auch einfach differenziert betrachten muss. Dafür braucht es Hintergrundwissen, das die Mehrzahl dieser selbsternannten Katzenfutterexpert*innen aber schlicht nicht hat.

Daher: Glaubt nicht alles, was im Internet erzählt wird. Recherchiert, hinterfragt und vertraut im Zweifelsfall lieber der fachtierärztlichen Ernährungsberatung als Menschen, die sich nach einem Wochenendkurs (oder manchmal nicht mal dem) als Experten darstellen und im Internet ihre Meinung als allgemeingültige und unumstößliche Wahrheit darstellen.

Das Allerwichtigste an einem Katzenfutter ist nicht, dass es ins eigene Weltbild passt, sondern dass es den Energiebedarf eurer Katzen deckt und sie mit allen notwendigen Nährstoffen im richtigen Verhältnis versorgt. Das ist mit BARF umsetzbar, wenn man wirklich weiß, was man tut, ebenso wie mit einem geeigneten Alleinfuttermittel.

Trockenfutter ist dabei weder der heilige Gral noch automatisches Todesurteil. Es ist kein Muss. Es kann aber in kleinen Mengen, etwa für Activity Feeding oder als Leckerli, durchaus sinnvoll eingesetzt werden, ohne dass die Katze dadurch spontan in eine medizinische Tragödie kippt.

Mitunter liegt das größere Risiko sogar in jenen vermeintlich besonders natürlichen oder „ganzheitlichen“ Alternativen, die online mit viel Pathos empfohlen werden und bei näherem Hinsehen vor allem eines sind: gefährliches Halbwissen, das überzeugend verpackt wurde.

Emma erklärt: Dunning-Kruger-Effekt – die Krux mit der Selbstüberschätzung

Emma erklärt

Dunning-Kruger-Effekt - die Krux mit der Selbstüberschätzung

“Melde dich unbedingt in der Gruppe an, die kennen sich dort richtig gut aus!” – Ein Satz, den man in den sozialen Medien häufiger liest, wenn es um Krankheiten bei Katzen geht. Hin und wieder ist es so, dass dem wirklich der Fall ist und in Gruppen kompetente Menschen unterwegs sind, die ihre Grenzen kennen und im Rahmen dieser gezielt helfen können. Weitaus häufiger vertreten ist jedoch leider der personifizierte Dunning-Kruger-Effekt. Darüber möchte ich euch heute ein wenig erzählen, nachdem wir im letzten „Emma erklärt“ schon ein ähnliches Thema hatten.

Genauer gesagt, möchte ich euch eine Geschichte erzählen. Die Namen der Protagonisten sind willkürlich gewählt und haben nichts mit realen Personen zu tun.

weisse katze dunning kruger

© cocozi / pixabay.com

Wenn du nicht weißt, was der Dunning-Kruger-Effekt ist, dann sieh dir vielleicht erst einmal dieses kurze Video  an, in dem der Effekt kurz und knackig erklärt wird.

***

Bacardi

Eine Frau, nennen wir sie Sonja, lebt mit einem schon etwas älteren Kater namens Bacardi zusammen und liebt das Fellknäul natürlich sehr. Da Bacardi in letzter Zeit etwas abgenommen hat, viel trinkt und pinkelt und auch sonst nicht so fit wirkt, stellt sie ihn ihrer Tierärztin vor, die den Kater schon seit vielen Jahren betreut, und leider stellt diese eine Diagnose, die Sonja in große Sorge versetzt. Sie hat Angst, ist verunsichert und möchte ihrem Kater Bacardi natürlich gerne bestmöglich helfen. Soweit so verständlich.

Da sie sich mit ihren Sorgen nach dem Tierarztbesuch recht allein gelassen fühlt, erzählt sie in einer Facebook-Gruppe davon und bekommt dort die Empfehlung, in eine bestimmte “Fachgruppe” einzutreten. Die Gruppe sei DIE Gruppe zu dem Thema, so wird ihr gesagt, in der sich die richtigen (Anm. d. Red. selbsternannten) Experten tummeln würden. Außerdem wird sie schon einmal darauf hingewiesen, dass Tierärzten nicht zu trauen sei und dass diese pauschal von dieser (Anm. d. Red.: leider recht häufigen) Krankheit meist keine Ahnung hätten. Zumindest nicht annähernd so viel wie die Experten in der Gruppe.

Sonja in ihrer Sorge um Bacardi tritt also in diese Gruppe ein. In dieser Facebook-Gruppe tummelt sich unter anderem auch die Christel. Die Christel hat – wie in ihrem Profil zu lesen ist – die Schule des Lebens besucht (weitere Qualifikationen nicht ersichtlich) und ist quasi der Mensch gewordene Dunning-Kruger-Effekt. Soll heißen, Christel kann eigentlich gar nichts, leidet aber unter gewaltiger Selbstüberschätzung und ist der festen Überzeugung, sie sei die absolute Expertin zu dem Thema. Da sie sehr von sich überzeugt ist und sich auch entsprechend verkauft, wird Dunning-Kruger-Christel von den anderen Gruppenmitgliedern verehrt und fühlt sich durchwegs in ihrer Ansicht bestätigt.

Sonja stellt jetzt also ihren Fall in der Gruppe dar, woraufhin natürlich sofort Christel markiert wird. Dunning-Kruger-Christel ist jetzt voll in ihrem Element. Sie schlüpft zu Hause vorm PC in ihren weißen Kittel, legt sich ihr – eigens zu diesem Zweck angeschafftes – Stethoskop um den Hals, überlegt ob sie vielleicht auch noch den Kasack und das Otoskop… entscheidet sich aber dann aus Zeitgründen dagegen und lässt sich erst einmal alle Befunde samt Laborergebnissen schicken (Blutbilder sind nämlich absolut ihr Ding, da kann sie so richtig zeigen, was sie kann).

Auf Basis dieser Daten erstellt Sie dann (Anm. d. Red.: Wir vermuten schwer, dass sie dafür eine Glaskugel oder alternativ ein Pendel zur Hilfe nimmt, genau wissen wir es nicht – anders als Christel können wir nämlich leider nicht hellsehen.) aus der Ferne ohne den Kater je gesehen zu haben, eine Diagnose, die selbstverständlich vollkommen von der der Tierärztin abweicht. Entsprechend ist die von der Tierärztin angedachte Therapie nach Einschätzung von Dunning-Kruger-Christel natürlich vollkommen falsch und diese eine inkompetente Vollidiotin.

Christel, nach wie vor felsenfest von sich überzeugt, erstellt nun erst einmal einen neuen Therapieplan für Bacardi, der zunächst einmal ganz viele Produkte enthält, die irgendetwas mit Schwingungen zu tun haben, aber keine nachgewiesene Wirkung aufweisen und erklärt Sonja ganz genau, dass sie diese Mittel nur mit Wasser oder in Schleckpaste geben darf, damit diese über die Maulschleimhaut aufgenommen werden können, aber keinesfalls in Futter, da die aggressive Magensäure der Katze die Mittel ansonsten zerstören würde.

Hier jetzt erstmal eine gewaltige La-Ola-Welle und ein großes OOOOOOOOOOOHH WOW!!! bitte für unsere Magensäure, die so aggressiv ist, dass sie sogar nicht nachweisbare Schwingungen abtöten kann. So Kleinigkeiten wie die, dass es ziemlich irrelevant ist, ob entsprechende Mittelchen mit Schleckpaste, Futter oder Wasser im Magen landen, lassen wir hier jetzt mal außen vor. Ist ja auch nicht wichtig, ne.
 

Aber ich schweife ab. Weiter mit unserer Geschichte.

Christel betont noch einmal die Wirksamkeit der von ihr verordneten Mittel, die von Pankreatitis und Krebs heilen bis hin zu Harnstoff senken und die Schwanzspitze pink färben so ziemlich alles können und beschwört Sonja, sich von der Tierärztin bloß nichts aufschwatzen zu lassen und das vorgeschlagene Diätfutter und die verordneten Medikamente auf keinen Fall zu geben.

Alternativ solle sie sich aber bei Dunning-Kruger-Christel nach einer Woche noch einmal melden, wie die Therapie angeschlagen habe. Christel würde dann entscheiden, ob die Therapie so fortgeführt würde oder ob noch eine Anpassung notwendig sei.

Um dem Ganzen noch einen intellektuellen Touch zu geben, führt Christel nun zum Abschluss auch noch einige englischsprachige Quellen an. Dass in der Schule des Lebens kein Englisch gelehrt wurde und Christel – nun sagen wir mal – einige Lücken hat, was die englische Sprache noch dazu im fachlichen Kontext angeht, lassen wir jetzt einfach einmal unter den Tisch fallen. Wen interessieren solche Kleinigkeiten schon.

Soweit so gut. Halten wir einmal kurz fest. Wir haben jetzt einmal die Einschätzung der Tierärztin, die die Katze samt Personal schon jahrelang kennt und betreut, sie live gesehen und untersucht hat, paar Jährchen Studium und noch ein paar Jährchen mehr Berufserfahrung hinter sich hat und wir haben die Einschätzung einer Person, die Sonja völlig fremd ist, von der Schule des Lebens abgesehen, nicht einmal annähernd mit einer Qualifikation glänzen kann, sich aber – in grenzenloser Selbstüberschätzung – aufführt als wäre sie allwissend und einfach mal so aus der Ferne – ohne die Katze je gesehen zu haben – die Diagnose der Tierärztin auseinandernimmt und einen eigenen Therapieplan erstellt.

Wem wird Sonja nun vertrauen? Ihr ahnt was kommt…

Sonja findet das, was Christel da von sich gibt, alles sehr einleuchtend. Schließlich hat die Christel das sehr überzeugend erklärt und sie hat ja jetzt auch schon häufiger gelesen, dass die alle keine Ahnung hätten und einem nur das Geld aus der Tasche ziehen wollten und überhaupt. Also macht sie alles ganz genau so, wie von Dunning-Kruger-Christel vorgeschlagen. Sie setzt die von der Tierärztin mitgegebenen Medikamente ab, sie gibt kein anderes Futter und sie sucht auch nicht mehr – wie besprochen – die Tierärztin zum vereinbarten Kontrollbesuch auf, die ihr in den letzten Jahren zur Seite gestanden hat.

Innerhalb von drei Wochen hat Bacardi so sehr abgebaut, dass als einzige Option bleibt, ihn einschläfern zu lassen, um ihn vor weiterem Leid zu bewahren. Diesen Dienst darf dann (natürlich) wieder die Tierärztin übernehmen (kann und darf die Christel ja schließlich nicht und selbst wenn sie es könnte, wäre ihr das psychisch natürlich keineswegs zumutbar, könnte ja schließlich passieren, dass ihr Ego dann einen Knacks bekäme #ironieoff), während Christel in der Zwischenzeit schon wieder 12 andere Katzen “ferntherapiert” hat. Hätte man Bacardi direkt richtig behandelt, hätte er ohne Weiteres noch einige schöne Wochen, Monate oder sogar Jahre haben können.

Eine Geschichte ohne Happy End.

***

Gerne würden wir es jetzt mit Jonathan Frakes halten und “Sie glauben diese Geschichte ist wahr. Falsch, sie ist frei erfunden.” schreiben, aber leider ist dem nicht so. Vielleicht ist manches ein wenig überzeichnet dargestellt (wir wissen beispielsweise natürlich nicht, ob Christel wirklich mit dem Stethoskop vor dem PC sitzt), aber im Kern ist sie wahr und es handelt sich dabei beileibe nicht um einen Einzelfall.

***

Wer ist nun schuld an der ganzen Misere? Dass Dunning-Kruger-Christel unter gewaltiger Selbstüberschätzung leidet, ist das eine und leider kann man solchen Menschen nicht wirklich Einhalt gebieten, aber die Verantwortung für eure Tiere liegt bei EUCH.

Und wir sagen es auch gerne noch 50-mal: Ihr dürft kritisch sein, ihr dürft euch selbst informieren und Dinge hinterfragen und selbstverständlich auch gerne eine Zweit-, Dritt- oder Viertmeinung von anderen Tiermedizinern einholen, wenn ihr Zweifel habt oder das Gefühl, ihr kommt nicht weiter, aber bitte, BITTE seid doch (Pardon, my French!) nicht so BLÖD, das Leben eurer Tiere irgendeinem dahergelaufenen Mensch gewordenen Dunning-Kruger-Effekt im Internet anzuvertrauen!

Ihr kennt diese Menschen nicht, sie haben euer Tier weder je gesehen noch untersucht, ihr wisst nicht, was die wirklich können, egal wie überzeugend, das was sie von sich geben, auch klingen mag, und sobald sie euch auch nur annähernd an Dunning-Kruger-Christel erinnern, dann nehmt die Beine in die Hand und lauft. Denn dann handelt es sich mit 200%iger Sicherheit nicht um einen Menschen, dem ihr unser Leben anvertrauen solltet!

Wir haben nur dieses eine Leben und wir möchten uns bitte, BITTE darauf verlassen können, dass ihr alles dafür tut, dass wir unser Leben so lange wie möglich lebenswert führen können.

Wir sind keine Versuchskaninchen für Menschen, die in gnadenloser Selbstüberschätzung und ohne jedwede (oder zumindest ausreichende) Fachkompetenz Glaskugeldiagnosen und Therapievorschläge aus dem Ärmel schütteln.

Herzlichen Dank!

PS: Wer an Homöopathie glaubt und diese NEBEN DER TIERÄRZTLICHEN BEHANDLUNG (nicht stattdessen!!!) und in Absprache mit dem Tierarzt/der Tierärztin gerne einsetzen möchte (wie z. B. die SUC-Therapie bei Nierenerkrankungen), kann das natürlich gerne tun. Darum geht es hier nicht.

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Emma erklärt: Sch… im Internet zu Geld machen leicht gemacht

Emma erklärt...

Sch... im Internet zu Geld machen leicht gemacht

Geld können wir ja alle immer irgendwie brauchen. Du doch sicher auch, oder? Dachten wir uns. Wir haben daher hier einige Tipps für dich, wie du – ohne fundiertes Fachwissen zu haben – im Internet mit Online-Kursen MIT LEICHTIGKEIT die große Kohle verdienen kannst.

1) Bezeichne dich als Experte für dein Thema, egal ob du Ahnung davon hast oder nicht. Studium oder Ausbildung braucht auch keiner. Wird völlig überbewertet. Wenn du dich als Experte fühlst, dann bist du auch einer. Fertig. Alles eine Frage des richtigen Mindsets.

2) Betitle alle anderen als inkompetente Vollidioten, die keine Ahnung von deinem Thema haben. Besonders Tierärzt:innen. Die darfst du nicht vergessen. Wenn du nicht besser bist als der Tierarzt, ist dein Kurs nichts wert.

3) Such dir ein Thema, bei dem der Personenkreis aus Punkt 2 deiner Meinung nach regelmäßig versagt. Besonders erfolgsversprechend sind hier Themen wie “Handauflegen gegen Inkontinenz” oder “Homöopathie zum Aufmalen gegen Parvovirose”. Protipp: Wenn dich jemand als Schwurbler bezeichnet, bist du definitiv auf der richtigen Fährte. Weiter so!

4) Du weißt noch nicht, welches Thema es werden soll? Telegram eignet sich hervorragend als Inspirationsquelle.

5) Gib deinem Thema einen wissenschaftlichen Touch, indem du z. B. statt über Homöopathie über “Quantenphysik” oder – bei Schüssler Salzen – über “Biochemie” sprichst. Fußnoten machen sich auch immer gut. Aber Achtung: Verweise hier auf keinen Fall auf seriöse Quellen! Das würde nur vom Thema ablenken.

6) Versprich deinen Interessenten, dass sie mit Leichtigkeit perfekt werden können, aber mach deutlich, dass sie es allein in der Hand haben und dich keine Schuld trifft, wenn es dem Tier mit deiner Methode nicht besser geht. Schließlich bist du der Experte und es ist absolut unmöglich, dass dich eine Schuld trifft, wenn dein unglaubliches Wissen, das du gnädigerweise weitergibst, nicht korrekt umgesetzt wird. PS: Natürlich bist du auch nicht schuld, wenn ein Tier stirbt, weil die Leute dir vertraut haben, statt das Tier zeitnah tierärztlich versorgen zu lassen. Wäre ja noch schöner.

7) Biete deinen Kurs absolut überteuert an und betone mehrfach, dass der Kurs seinen Preis wert ist, weil du einzigartiges Wissen vermittelst, mit dem deine Teilnehmer künftig Tieren bei Problemen helfen können, bei denen die Gruppe aus Punkt 2 deiner Meinung nach regelmäßig versagt. Betone hier unbedingt nochmals, dass du der unfehlbare Experte bist und alle anderen inkompetente Vollidioten.

8) Schwadroniere ausgiebig über die Mängel der Idioten aus Punkt 2. Und wenn du schon einmal dabei bist, weise unbedingt auf die Gefahren von Impfungen und diversen Medikamenten hin. Ach, Antibiotika, Cortison und Schmerzmittel verringern Leid und retten Leben? Pfff, völlig überbewertet. Hallo, du bist der Experte und deine Methode heilt alles. Und falls nicht, dann wurde dein Wissen mit Sicherheit nicht korrekt umgesetzt. Schließlich ist es völlig unmöglich, dass du Mist erzählst, der Tierleben gefährdet.

9) Sorge dafür, dass du über Google gut gefunden wirst. Deine Zielgruppe wird dich dort suchen. Alternativ lohnt es sich, ausführlich und ungefragt bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den sozialen Medien über deine unglaubliche Methode zu sprechen. Du wurdest gesperrt? Lass dich davon nicht abhalten. Alles Banausen, deren Horizont der Wahrheit – deiner Wahrheit – nicht gewachsen ist. Hey, immerhin bist DU der Experte und hast immer Recht. Schon aus Prinzip.

10) Erstelle eine Prüfung und versprich deinen Teilnehmern ein Zertifikat, so dass sie sich danach “zertifizierter Experte für [dein Thema]” nennen können. Achtung: Die Prüfung muss so einfach sein, dass sie jeder ohne zu lernen besteht. Schließlich willst du deine Teilnehmer nicht überfordern.

Du hast alle Punkte abgehakt? Hervorragend. Dann steht der ersten Million nichts mehr im Weg. Feuer frei!

Im Ernst: Liebe Dosenöffner, bitte schaut genau hin, wem ihr vertraut. Wir haben nur dieses eine Leben. Und wir möchten nicht als Versuchskaninchen für die Methoden selbsternannter Experten dienen, denen suggeriert wird, sie müssten nichts wissen, sondern nur die richtige Strategie haben, um mit ihrem Thema sechsstellige Monatsumsätze zu generieren. Im schlimmsten Fall bringt ihr uns mit diesen Methoden direkt oder indirekt um und schießt noch dazu viel Geld in den Wind, das ihr sicherlich sinnvoller verwenden könntet. 

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Emma erklärt: Von Experten und Dampfplauderern

Emma erklärt

Von Experten und Dampfplauderern

Die Welt ist groß und es gibt dort viele Menschen, die etwas zu sagen haben oder das zumindest meinen. So ist es auch im Internet. Allerdings ist es für Katzenhalter oft gar nicht so einfach zu erkennen, ob es sich beim Gegenüber wirklich um einen echten Experten handelt oder um einen Dampfplauderer, der zwar viel Meinung, aber nur wenig Ahnung hat. Mitunter gefährlich für uns Katzen, wenn wir durch diese Tipps dann Schaden nehmen.

Die Martina Fuchs bezeichnet diese Möchtegern-Experten in ihrem Podcast als Luftpumpen („viel heiße Luft“) und hat drei Tipps genannt, wie man echte Experten von Dampfplauderern unterscheiden kann.

Experten finden

© Alexas_Fotos / pixabay.com

Diese greife ich heute für euch auf. Und sie gelten nicht nur für das Internet, sondern insbesondere auch für die nicht reglementierten tierischen Berufe wie Tierheilpraktiker, Ernährungsberater, Katzenpsychologen und so weiter und so fort. Schaut genau hin, wem ihr unser Wohlergehen und im Ernstfall unser Leben anvertraut!

Der Experte besitzt tiefgehendes Wissen

Echte Experten können im Idealfall nachprüfbare Ergebnisse (z. B. Kundenstimmen) und vor allem nachprüfbare Erfahrung in der Praxis vorweisen und sind in der Lage, nicht nur an der Oberfläche ihres Themas zu kratzen, sondern auch tiefer einzusteigen. Eine Ausbildung, Fachbücher oder Zertifikate sind zwar schön, sagen aber nicht unbedingt aus, dass man es auch wirklich mit einem Experten zu tun hat. Auch langjähriges Zusammenleben mit Katzen macht einen nicht zwangsläufig zum Katzenexperten. Man kann auch zwanzig Jahre lang dieselben Fehler machen.

Tipp: Wenn du wissen willst, was dein Gegenüber wirklich kann und was nicht, dann stelle tiefgehende Fragen, die sich nicht mit allgemeinem Geplänkel beantworten lassen.

Der Experte zeigt Profil und ist ein Original, keine Kopie

Einer schreibt etwas und andere schreiben ab und mit der Zeit wird aus einer Aussage eine unumstößliche „Forenwahrheit“, von der man gar nicht so genau weiß, wer sie letzten Endes in die Welt gebracht hat. Ihr kennt das?

Ein Beispiel dafür ist die oft unreflektiert übernommene Aussage, von wegen Kater-und-Katze-Konstellationen könnten aufgrund des unterschiedlichen Spielverhaltens niemals funktionieren. Echte Experten plappern nicht einfach nach oder labern um den heißen Brei herum, sondern haben eine eigene Meinung, die sie auch mit Fakten untermauern können. Und das auch, wenn diese von dem abweicht, was die Mehrheit von sich gibt.

Der Experte bringt auch komplexe Themen verständlich auf den Punkt

Man kann nur einfach und verständlich erklären, was man auch selbst versteht. Wer sich hinter langatmigem Geschwafel und unzähligen Fachbegriffen versteckt, am besten noch garniert mit gefühlten drei Millionen Fußnoten (4,6,63), wirkt zwar vielleicht gebildet, hat aber oft maximal im Ansatz begriffen, über was er oder sie da eigentlich schreibt. Ein Experte, der sein Thema wirklich beherrscht, ist in der Lage Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und die Inhalte auch für den Laien verständlich wiederzugeben. Und klar, sind Fußnoten in wissenschaftlichen Publikationen Pflicht und auch sinnvoll, aber Fußnoten unter einem Blogposting oder in einem Facebook-Beitrag sagen nicht automatisch aus, dass der Autor die zitierten Quellen auch richtig verstanden und interpretiert hat.

Und last but not least:Fragt nach, prüft nach, lasst euch Dinge erklären, bildet euch weiter und scheut euch auch nicht, eine zweite Meinung einzuholen, wenn euch die erste suspekt ist. Vertraut niemandem blind. Ihr allein seid für unser Wohlergehen verantwortlich.

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Emma erklärt: Katzen und der Winterspeck

Emma erklärt

Katzen und der Winterspeck

Gerade im Herbst liest man immer wieder neugierige oder sogar besorgte Fragen, was denn mit der Katze los sei, weil sie plötzlich fresse „wie ein Scheunendrescher“. Zudem wird – mal davon abgesehen, dass wir nicht fressen, sondern dinieren bitteschön – auch noch mit solch bösen Wörtern wie Tierarzt oder Blutabnahme um sich geworfen. Dabei ist das, was wir machen vollkommen logisch und natürlich. Und warum dem so ist, erzähle ich euch in dieser Ausgabe von „Emma erklärt“.

Eigentlich hätte die ja schon viel früher fertig sein sollen, aber – ihr ahnt es – ich war mit dem Aufbau meiner Isolierungsschicht beschäftigt. ;-)

Aber beginnen wir am Anfang. Wie ihr ja sicherlich wisst, ist es im Sommer länger hell als im Winter. Fachsprachlich nennt man das auch Photoperiode. Viele Tiere, darunter wir Katzen, reagieren auf diese Unterschiede in der Tageslichtlänge recht empfindlich, was sich zum Beispiel bei unseren unkastrierten Kollegen im Sexualzyklus zeigt.

Denn unter natürlichen Verhältnissen (also draußen, ohne Kunstlicht) setzt die Rolligkeit in der Regel wenn die Tage kürzer werden aus, und das Zyklusgeschehen beginnt erst dann erneut, wenn die Tage wieder länger werden und eine Tageslichtlänge von 12 bis 14 Stunden täglich erreicht wird.

Damit unser Körper weiß, wann diese Tageslänge erreicht ist, haben wir (wie auch andere Wirbeltiere) eine praktische Einrichtung namens Pinealorgan, besser bekannt als Zirbeldrüse, die das Schlafhormon Melatonin bildet. Melatonin wird nur in der Dunkelheit gebildet, entsprechend wird im Winter (kurze Tage) am meisten und im Sommer (lange Tage) am wenigsten Melatonin ausgeschüttet.

Soweit so gut. Diese durch Melatonin gesteuerten Jahresrhythmen haben aber nicht nur Einfluss auf unsere Fortpflanzung, sondern helfen uns auch dabei, viele weitere Anpassungen durchzuführen, die notwendig sind, um mit saisonal unterschiedlichen Lebensbedingungen klarzukommen.

So wird zum Beispiel auch der Fellwechsel über die Tageslichtlänge und die Melatoninproduktion aktiviert und – um nach diesem Exkurs dann auch mal wieder zum Thema zu kommen – beide haben (neben den Umgebungstemperaturen) auch Auswirkungen auf die Futteraufnahme. Deshalb futtern wir im Spätherbst und Winter (etwa von Oktober bis Februar) am meisten und in den Sommermonaten (etwa von Juni bis August) am wenigsten.

„Also setzen wir euch in der kalten Jahreszeit künftig auf Diät damit ihr nicht fett werdet?“

Auf keinen Fall! Schlaue Leute, die das was ich euch eben erzählt habe, untersucht haben, haben nämlich herausgefunden, dass sich das vorübergehende „Mehr Futtern“ (anders als bei euch Menschen *duck*) bei uns langfristig nicht auf unser Körpergewicht auswirkt. Ha!

Nehmt also bitte Rücksicht auf unsere natürlichen Bedürfnisse und lasst uns im Herbst und Winter nicht hungern. Pocht auch nicht so sehr auf feste Futtermengen, sondern passt die Futtermenge gegebenenfalls saisonal an. Entspannender für euch und entspannender für uns. Gleicht sich in der Regel auch wieder aus. Denn was wir in der kalten Jahreszeit mehr verdrücken, futtern wir im Sommer oft weniger.

Und ganz wichtig: Bei Jungkatzen gibt es diese saisonalen Anpassungen noch nicht. Die sollen und dürfen unabhängig von der Jahreszeit soviel futtern, wie sie mögen, um große, starke Katzen zu werden.

Quellen u. a.

  • Von Engelhardt W, Breves G, Diener M, Gäbel G (2015). Physiologie der Haustiere (5. Auflage). S. 512-513
  • Serisier, Samuel et al. “Seasonal variation in the voluntary food intake of domesticated cats (Felis catus)”  PloS one 9,4 e96071. 23 Apr. 2014, doi:10.1371/journal.pone.0096071
  • Bermingham, Emma & Weidgraaf, Karin & Hekman, Margreet & Roy, Nicole & H Tavendale, M & Thomas, David. (2012). Seasonal and age effects on energy requirements in domestic short-hair cats ( Felis catus ) in a temperate environment. Journal of animal physiology and animal nutrition. 97. 10.1111/j.1439-0396.2012.01293.x.
  • Kappen, K. L., Garner, L. M., Kerr, K. R. and Swanson, K. S. (2014), Effects of photoperiod on food intake, activity and metabolic rate in adult neutered male cats. J Anim Physiol Anim Nutr, 98: 958-967. doi:1111/jpn.12147

Sonst noch in der Reihe „Emma erklärt“ erschienen:

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