40 Jahre Katzenerfahrung
Cara kolumniert
40 Jahre Katzenerfahrung
Ein kurzer Leitfaden für alle, die aus Gewohnheit, Selbstgewissheit und persönlicher Vergangenheit ein Naturgesetz machen möchten.
Es gibt im Katzenbereich viele Wege, sich zu irren.
Man kann zu viel im Internet lesen und nach dem dritten Reel überzeugt sein, dass die Katze gleichzeitig unterfordert, innerlich blockiert und vermutlich durch die falsche Napfposition aus dem Gleichgewicht geraten ist. Man kann sich in Kommentarspalten verirren, in denen jede zweite Person „artgerecht“ ruft und keine drei Sätze später klingt, als habe sie ihre gesamte Fachlichkeit aus Bauchgefühl, Facebook und einem ästhetisch ansprechenden Canva-Slide bezogen.
Und dann gibt es noch den alten Klassiker.
Den Satz, der seit Jahrzehnten zuverlässig jede Diskussion beendet, bevor sie überhaupt eine werden konnte:
„Ich habe seit 40 Jahren Katzen.“
Das ist beeindruckend. Wirklich.
Vierzig Jahre mit Katzen zu leben, kann vieles bedeuten. Es kann heißen, dass man genauer hinschaut. Dass man ruhiger geworden ist. Dass man nicht bei jedem Niesen der Katze sofort in jene moderne Form der Verzweiflung fällt, die nur noch mit Wärmflasche, Baldriantee, drei Facebookgruppen und dem Satz „Hatte eure Katze das auch schon mal?“ zu bewältigen ist. Erfahrung kann sehr nützlich sein. Sie schützt gelegentlich vor Hysterie, Aktionismus und dem Drang, aus jedem Haarballen eine medizinische Miniserie zu machen.
Leider schützt sie nicht automatisch vor Irrtum.
Und noch viel weniger schützt sie vor der sehr menschlichen Neigung, das, was man lange getan hat, irgendwann für richtig zu halten, weil es eben lange getan wurde.
Falls auch du also gern in den erlauchten Kreis jener Menschen aufsteigen möchtest, die ihre Gewohnheiten mit Weisheit verwechseln und jede neue Einordnung wie einen persönlichen Angriff behandeln, dann ist dieser Leitfaden genau das Richtige für dich.
1) Verwechsle Erfahrung mit Unfehlbarkeit
Der erste Schritt ist der wichtigste.
Es reicht nicht, lange Katzen gehabt zu haben. Du musst aus dieser Tatsache eine moralische Sonderstellung ableiten.
Sage nicht:
„Ich habe viel erlebt und deshalb gelernt, vorsichtig zu urteilen.“
Sage stattdessen:
„Ich habe seit 40 Jahren Katzen.“
Und dann schweige kurz. Lass den Satz wirken. Er soll nicht wie eine Information klingen, sondern wie ein schweres Möbelstück, das mitten ins Gespräch gestellt wird, damit niemand mehr daran vorbeikommt.
Die Grundidee lautet: Wer lange genug etwas getan hat, muss darin recht haben. Nach dieser Logik wären übrigens auch Aspik, Korsetts und orangefarbene Badezimmer verteidigungsfähig, aber darum geht es im Moment nicht.
2) Erkläre deine Kindheit zur allgemeinen Haltungsverordnung
Nun brauchst du eine Vergangenheit, auf die du mit feierlicher Miene zeigen kannst.
Am besten eignet sich eine Kindheit, in der Katzen draußen waren, Mäuse fingen, über Mauern liefen und irgendwie wieder nach Hause kamen. Daraus machst du dann kein persönliches Erinnerungsfragment, sondern ein universelles Prinzip.
Sage also:
„Katzen müssen raus.“
Warum?
Weil Katzen das immer schon so gemacht haben.
Dieses „immer“ ist im Katzenbereich ein bemerkenswert nützliches Wort. Es klingt groß, alt und unanfechtbar, obwohl es meist bloß bedeutet: So war es bei uns früher, und ich habe nicht vor, daran gedanklich noch einmal zu rühren.
Dass Wohnlage, Verkehr, Gesundheitszustand, Revierstruktur, Infektionsrisiken, Nachbarschaft und die einzelne Katze selbst die Sache komplizierter machen könnten, musst du an dieser Stelle als überflüssige Nervosität behandeln. Sonst bekommt das ganze Gebäude Risse, und solche Gewissheiten sind meist ungefähr so belastbar wie Zuckerguss im Hochsommer.
3) Sprich über Freigang mit der Würde einer Frau, die eine alte Ordnung verteidigt
Hier kommt es auf den Ton an.
Du darfst nicht wirken wie jemand, die eine individuelle Entscheidung abwägt. Du musst klingen wie die Hüterin einer leicht vergilbten, aber moralisch unanfechtbaren Ordnung, in der irgendwo festgeschrieben steht, dass Katzen hinauszugehen haben. Wahrscheinlich in geschwungener Schrift, zwischen den Pflichten des Hausstands und dem sachgerechten Ausklopfen von Läufern.
Die praktische Wirklichkeit stört dabei nur.
Autos stören.
Revierkämpfe stören.
Krankheiten stören.
Verletzungen stören.
Menschen mit seltsamen Vorstellungen von fremden Katzen stören.
Kurz: Alles stört, was die schöne Erzählung beschädigt, in der Freigang automatisch Freiheit, Natur und Charakterbildung bedeutet.
Der Trick besteht darin, Risiken nicht zu leugnen, sondern sie mit einem kleinen Achselzucken in die Folklore einzuordnen. Früher, sagst du dann, habe man da nicht so ein Theater gemacht.
Ja. Früher hat man aus erstaunlich vielem eine Gewohnheit gemacht und sie dann für Vernunft gehalten.
4) Deute Einzelhaltung zur frei getroffenen Lebensentscheidung um
Hier musst du unbedingt mit absoluter Überzeugung auftreten. Schließlich gibt es gar keinen Zweifel an deiner Deutung.
Sage mit großer Ruhe:
„Meine Katze wollte nie andere Katzen.“
Das klingt, als habe die Katze sich eines Abends hingesetzt und erklärt:
„Nach reiflicher Prüfung meiner sozialen Optionen bevorzuge ich ein bewusst solitäres Lebensmodell.“
Natürlich kann es Katzen geben, für die Einzelhaltung die passendere Lösung ist. Das ist ja gerade das Ärgerliche. Denn dadurch wird das Thema differenziert, und Differenzierung ist für große Gewissheiten ungefähr so willkommen wie ein Reißnagel im Hausschuh.
Es gibt Katzen, die mit Artgenossinnen schlecht zurechtkommen. Es gibt Vorgeschichten, gesundheitliche Gründe und Konstellationen, in denen man vernünftigerweise keine weitere Katze dazusetzt.
Es gibt aber eben auch Katzen, deren Vergesellschaftungen schlecht liefen. Katzen, die sich zurückziehen, ausweichen oder still arrangieren. Und es gibt Menschen, die genau das betrachten und beschließen, das Tier schätze offenbar die Ruhe.
Menschen haben ein bemerkenswertes Talent, ihre Deutung für die Meinung der Katze zu halten.
5) Halte alles für gut, was nicht sofort sichtbar zusammenbricht
Dies ist die eiserne Grundregel traditioneller Selbstgewissheit.
Die Katze frisst das Futter, also ist es gut.
Die Katze lebt allein, also will sie das so.
Die Katze geht raus, also braucht sie das.
Der Kater bewegt sich wenig, also ist er entspannt.
Die beiden Katzen prügeln sich nur manchmal, also ist die Beziehung stabil.
Dieses Verfahren ist ausgesprochen beliebt, weil es wenig Denkarbeit verlangt. Es ist die Haltungsanalyse für Menschen, die Ergebnisse mögen, solange sie sich mit einem Blick vom Sofa aus überprüfen lassen.
Nach demselben Prinzip könnte man übrigens auch einen Bürostuhl für ergonomisch erklären, solange die Benutzerin nur manchmal leise stöhnt.
Dass Katzen vieles still aushalten, kompensieren oder mittragen, ist bei dieser Methode natürlich hinderlich. Also wird es übersehen. Der Mensch ist in solchen Dingen von erstaunlicher Effizienz. Was nicht ins Selbstbild passt, wird beiseitegeschoben wie Post, die man nicht öffnen möchte.
6) Reagiere auf neue Einordnungen wie auf einen Angriff auf dein Lebenswerk
Jetzt wird es feierlich.
Wenn jemand darauf hinweist, dass weder Freigang noch Einzelhaltung als starre Regel für alle Katzen taugen, darfst du auf keinen Fall neugierig werden. Neugier wäre hier der Anfang vom Ende. Neugier führt zu Nachdenken, und Nachdenken führt im schlimmsten Fall dazu, dass man frühere Gewissheiten neu sortieren muss.
Stattdessen reagierst du mit jener Mischung aus Kränkung und Würde, die Menschen entwickeln, wenn sie ihre Gewohnheiten über Jahrzehnte erfolgreich mit Erfahrung verwechselt haben.
Immerhin bist du die Hohepriesterin der Katzenerfahrung und hast den Punkt längst hinter dir gelassen, dass Erfahrung beim Denken hilft. Trag deine Vergangenheit vor dir her wie einen Nachweis moralischer Überlegenheit, und sollte jemand Einwände haben, dann schau ihn an, als hätte er in der Kirche während der Predigt laut nach Belegen gefragt.
Dann sagst du Dinge wie:
- „Früher hat man da nicht so ein Theater gemacht.“
- „Unsere Katzen sind immer frei raus und alt geworden.“
- „Die haben das unter sich geregelt.“
- „Das war noch nie ein Problem.“
Das Letzte bedeutet im Alltag meist:
„Ich habe entweder nicht hingesehen oder später so lange daran herumgedeutet, bis es wieder in mein Weltbild passte.“
Und genau hier zeigt sich die eigentliche Begabung des Menschen:
Er nimmt einen Denkfehler, lässt ihn jahrzehntelang in Gewohnheit ruhen und nennt ihn dann Erfahrung.
7) Erhebe deine Biografie zum Gütesiegel
Das ist der krönende Abschluss.
Du hast nicht einfach Dinge erlebt. Du hast aus dem Erlebten eine Instanz gemacht. Deine Vergangenheit steht jetzt nicht mehr neben anderen Erfahrungen, sondern über ihnen. Sie ist kein Material für Einordnung mehr, sondern ein Totschlagargument mit Lesebrille.
Wer widerspricht, ist dann nicht einfach anderer Meinung. Wer widerspricht, stellt deine jahrzehntelange Praxis infrage. Und das wirkt auf viele Menschen ungefähr so, als hätte jemand ihnen mitten im Kaffeekränzchen erklärt, das Familienporzellan sei in Wahrheit Presspappe.
Die Menschheit hängt sehr an Überzeugungen, die alt genug geworden sind, um sich wie Eigentum anzufühlen.
Leider sind Katzen dafür denkbar schlechte Verbündete.
Sie sind keine Familienlegenden mit Fell.
Sie sind keine Beweisstücke.
Und sie sind vor allem nicht verpflichtet, menschliche Grundsatzdebatten durch normgerechtes Verhalten zu bestätigen.
Im Ernst Leute:
Das Problem ist nicht Erfahrung. Erfahrung kann sehr wertvoll sein. Sie kann ruhiger machen, Unsinn besser erkennbar machen und davor schützen, bei jedem kleineren Problem sofort in Panik oder Internet-Hysterie zu geraten. Aber Erfahrung ist kein Gütesiegel an sich. Vierzig Jahre etwas zu tun, heißt noch nicht automatisch, dass es für jede Katze richtig war oder heute noch genauso eingeordnet werden sollte.
Gerade lange Erfahrung müsste eigentlich vorsichtiger machen. Wer viel mit Katzen erlebt hat, weiß in der Regel, dass weder Freigang noch Einzelhaltung als starre Regel für alle taugen. Es hängt von der einzelnen Katze ab, von ihrer Vorgeschichte, ihrem Temperament, ihrem Gesundheitszustand und von dem Umfeld, in dem sie lebt.
Vierzig Jahre Erfahrung mit Katzen können deshalb sehr wertvoll sein. Aber sie ersetzen weder genaue Beobachtung noch fachliche Einordnung noch die Bereitschaft, alte Überzeugungen gelegentlich zu überprüfen.
40 Jahre nichts dazugelernt zu haben, ist kein Gütesiegel für gute Katzenhaltung.

und seien alle 20 geworden, was im Internet zuverlässig als kontrollierte Langzeitstudie gilt . Dazwischen fliegen die großen Klassiker durch den Raum: Tierärzt*innen hätten von Ernährung keine Ahnung, die Futtermittelindustrie ziehe im Hintergrund die Fäden, und irgendwann fällt zuverlässig der Satz mit der Katze, dem Bunsenbrenner und der Pampa, der seit Jahren mit einer Überzeugung vorgetragen wird, als sei er einst vom Amt für biologische Artgerechtheit geprüft, in Stein gemeißelt und dem Internet zur ewigen Wiederholung übergeben worden.
Beginne jedes Reel mit einem Gesichtsausdruck, als hätte dir jemand persönlich ins Herz gepfeffert, und verkünde:




