

Cara kolumniert
Die Glaskugel von Katzenhain
Oder: Warum Symptome keine Ferndiagnose brauchen, sondern eine Abklärung durch den Tierarzt.
Es begab sich in einer Zeit, in der jede dritte Katzenhalterin eine feste Überzeugung und jede zweite ein unscharfes Handyfoto hatte, dass im Lande Katzenhain ein wundersames Instrument verehrt wurde: die Glaskugel.
Sie stand nicht in einer Tierklinik. Sie stand nicht in einem Labor. Sie stand auch nicht dort, wo man Blut abnahm, Urin untersuchte oder die Zähne ordentlich ansah. Nein. Ihr eigentlicher Platz war der Kommentarbereich.
Dorthin brachte man sie, sobald eine Katze irgendwie komisch war.
Dann versammelten sich die Seherinnen und Seher des digitalen Dorfplatzes, legten die Stirn in Falten und blickten tief hinein in das milchige Nichts der Glaskugel.
„Zeig mal ein Foto.“
„Wie alt ist sie?“
„Hatte sie das schon öfter?“
„Ganz klar Pankreas.“
„Nein, die Nieren.“
„Das ist FORL, sieht man sofort.“
„Bestimmt Würmer.“
„Ganz ehrlich, für mich ist das psychisch.“
Und irgendwo wusste selbstverständlich immer jemand von einem Kater aus der Verwandtschaft, der ganz genauso geschaut hatte und bei dem es am Ende etwas ausgesprochen Eindrucksvolles gewesen war.
So arbeitete die Glaskugel von Katzenhain seit vielen Jahren höchst erfolgreich. Sie hatte einen unschätzbaren Vorteil: Sie lieferte schnell eine Geschichte.
Nicht vielleicht.
Nicht möglicherweise.
Nicht „das müsste man abklären“.
Sondern sofort.
Der Mensch liebt so etwas. Besonders dann, wenn er sich sorgt.
Denn Sorge hat die unangenehme Eigenschaft, Geduld nicht eben zu fördern. Wer Angst um die eigene Katze hat, möchte selten hören, dass Symptome mehrere Ursachen haben können, dass Befunde eingeordnet werden müssen und dass zwischen Beobachtung und Diagnose noch ein paar sehr sachliche Schritte liegen. Man möchte lieber wissen, ob es harmlos, schlimm, heilbar, teuer oder die Bauchspeicheldrüse ist.
So entstehen Ferndiagnosen.
Eine Katze frisst schlechter.
Eine andere sitzt anders.
Eine dritte erbricht.
Eine vierte schläft mehr, zieht sich zurück oder benutzt das Katzenklo anders als sonst.
Und augenblicklich beginnt das große Zeichenlesen.
Der Schwanz wird tiefer getragen als gestern, also sicher Schmerzen.
Die Ohren stehen etwas anders, also wahrscheinlich Stress.
Das Fell wirkt stumpfer, also bestimmt die Leber.
Der Blick ist verändert, also ganz klar etwas Neurologisches.
Die Katze hat einmal geniest, also möglicherweise alles.
Es ist bemerkenswert, mit welcher Überzeugung der Mensch dort Gewissheit entwickelt, wo ihm fast alle entscheidenden Informationen fehlen.
Dabei ist die Katze selbst in solchen Fragen wenig kooperativ. Sie erbricht aus harmlosen Gründen und aus ernsten. Sie frisst schlechter wegen Zahnschmerzen, Übelkeit, Fieber, Stress, Verstopfung, Nierenerkrankung, Pankreatitis, Leberproblemen, Schmerzen aller Art oder weil sie beschlossen hat, dass das gestern noch akzeptable Futter heute eine persönliche Kränkung darstellt. Sie zieht sich zurück, weil sie Schmerzen hat, weil Besuch da war, weil sie sich unwohl fühlt oder weil sie eine Katze ist und ihr Verhältnis zur Transparenz traditionell gespannt bleibt.
Mit anderen Worten: Der Katzenkörper hat nie zugestimmt, sich der besseren Besprechbarkeit im Internet zuliebe einfacher zu machen.
Nun ist Aufmerksamkeit selbstverständlich etwas Gutes. Wer merkt, dass eine Katze sich verändert, weniger frisst, Gewicht verliert, anders atmet, mehr trinkt, anders läuft oder sich anders verhält, hat oft bereits etwas sehr Wichtiges geleistet. Gute Beobachtung ist nicht das Problem, sondern zeugt von Verantwortungsgefühl.
Das Problem beginnt erst dort, wo aus Beobachtung Überzeugung wird.
Denn zwischen „Da stimmt etwas nicht“ und „Das ist ganz sicher X“ liegt ein größerer Abstand, als es im Netz manchmal den Anschein hat. Und genau für diesen Abstand wurde die Diagnostik erfunden.
Untersuchung, Anamnese, Blutbild, Urinuntersuchung, Blutdruckmessung, Bildgebung, Kotprobe, Zahnkontrolle und ähnliche Zumutungen existieren nämlich nicht, um die schönen Geschichten der Glaskugel mutwillig zu zerstören. Sie existieren, weil Körper komplex sind.
Ein Symptom kann viele Ursachen haben.
Mehrere Symptome zusammen können immer noch in verschiedene Richtungen weisen.
Und nicht selten liegt das entscheidende Detail gerade in dem Befund, den man auf einem Foto, in einem Nebensatz oder im allgemeinen Gefühl von „irgendwas stimmt nicht“ eben nicht erkennt.
Das macht die Sache weniger elegant, aber nicht weniger wahr.
In alten Erzählungen heißt es oft, der wahre Blick erkenne die Krankheit sofort. Ein leichtes Zittern des Schnurrhaars, ein matter Schein im Auge, eine besondere Schwere des Schwanzes und schon wisse die Weise aus dem Nebelmoor, dass es sich um Leber, Niere oder ein seelisches Ungleichgewicht des Magens handle.
Die moderne Version dieser Weisen wohnt nicht mehr im Moor. Sie wohnt in Kommentarspalten. Aber die Methode ist im Kern dieselbe geblieben: Aus wenigen Zeichen wird eine große Gewissheit gezimmert, und aus Unsicherheit wird eine Diagnose gemacht, weil sich das angenehmer anfühlt als Nichtwissen.
Dabei ist Unsicherheit am Anfang einer Abklärung nichts Peinliches. Sie ist oft schlicht Ehrlichkeit.
Wer vorschnell diagnostiziert, klingt souverän.
Wer sagt „Das lässt sich so nicht sicher beurteilen“, klingt auf den ersten Blick weniger eindrucksvoll.
Nur ist Eindruck leider kein besonders belastbarer Laborwert.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Zauber der Glaskugel: nicht dass sie zuverlässig Recht hätte, sondern dass sie den Menschen von der Zumutung befreit, etwas vorübergehend nicht zu wissen.
Diagnostik tut das nicht.
Diagnostik ist selten romantisch. Sie sagt nicht: „Aha, ganz eindeutig.“ Sie sagt eher: „Das könnte mehrere Ursachen haben, wir müssen genauer hinschauen.“ Sie ersetzt die schöne Erzählung vom ersten Verdacht durch Befunde, Wahrscheinlichkeiten, Ausschlussverfahren und gelegentlich durch die leicht kränkende Erfahrung, dass man eben doch kein Orakel ist.
Für die Katze ist das in aller Regel ein Gewinn.
Denn sie braucht meist weder Weissagung noch Weltdeutung, sondern etwas deutlich Langweiligeres: eine ordentliche Abklärung durch den Tierarzt. Also jemanden, der nicht nur auf das eine Symptom starrt, sondern die Katze im Zusammenhang sieht. Seit wann besteht das Problem? Was hat sich verändert? Gibt es Vorerkrankungen? Schmerzen? Fieber? Gewichtsverlust? Veränderungen im Trinkverhalten, im Kot, im Urinabsatz, in der Maulhöhle, im Blutbild oder im Ultraschall?
Das hat fast gar nichts von Magie. Aber den entscheidenden Vorteil, dass man der Sache tatsächlich näherkommt.
Und an dieser Stelle vielleicht, bei aller Liebe zum Kommentarorakel und zum Zeichenlesen im digitalen Nebel, einmal ganz unmärchenhaft:
