Wissenschaft
Neue Katzenart Tilcayo in Boliviens Yungas entdeckt
Katzen sind immer für eine Überraschung gut und gerade was die wilden Verwandten unserer Haustiger angeht, gibt es noch vieles, was dem Menschen noch nicht bekannt ist. Manchmal sogar neue Katzenarten, wie der Tilcayo (Leopardus tilcayo) aus Bolivien.
Viele Menschen kennen die großen Wildkatzen wie Tiger und Löwe, manche auch die kleineren, unscheinbareren Arten Südamerikas zumindest dem Namen nach. Doch die Grenzen zwischen einigen dieser Arten sind genetisch längst nicht so klar gezogen, wie es die Fachliteratur über Jahrzehnte nahelegte. Besonders die sogenannten Tigerkatzen (Leopardus), kleine, gefleckte Wildkatzen mit großer Verbreitung von Mittelamerika bis in den Süden des Kontinents, galten lange als eine einzige Art mit mehreren Unterarten. Diese Annahme gehört nun der Vergangenheit an.

Bereits 2013 wiesen genetische Untersuchungen darauf hin, dass sich hinter dieser vermeintlich einheitlichen Art mehrere eigenständige Linien verbergen. Seitdem arbeitet ein internationales Forschungsteam an einer genaueren Klassifizierung. Eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Current Biology beschreibt nun fünf eigenständige Tigerkatzen-Arten. Eine davon war der Wissenschaft bislang gänzlich unbekannt.
Den Ausgangspunkt für die Entdeckung bildete ein einzelnes Tier: Ein Kater kam 2017 in das Wildtierschutzzentrum Senda Verde in Bolivien, nachdem eine Familie ihn dort abgegeben hatte. Erst genetische Analysen bestätigten, was zunächst nur eine Vermutung war: Das Tier ließ sich keiner bislang beschriebenen Art zuordnen. Es erhielt den Namen Leopardus tilcayo, nach der lokalen Bezeichnung Tilcayo in seiner bolivianischen Heimatregion, den Yungas.
Ziel der Studie
Das Forschungsteam wollte klären, wie viele eigenständige Arten sich hinter dem taxonomisch seit Langem umstrittenen Tigerkatzen-Komplex verbergen – und wo genau die Grenzen zwischen ihnen verlaufen.
Ziel war es, eine stabile taxonomische Grundlage zu schaffen, auf der sich der Schutzbedarf dieser bedrohten Wildkatzen künftig realistisch einschätzen lässt.
Methodik
Grundlage der Studie waren vollständige Genome von 38 Individuen aus der Gattung Leopardus:
- 26 dieser Tiere repräsentierten mehrere evolutionäre Einheiten des bislang taxonomisch umstrittenen Tigerkatzen-Komplexes (Leopardus tigrinus).
- Acht Genome stammten aus Museumsexemplaren. Sie ermöglichten erstmals eine genetische Untersuchung der Typuslokalität von L. tigrinus im Gebiet des Guayana-Schildes.
- Die Erbgutdaten wurden phylogenomisch ausgewertet, also anhand vieler Genombereiche gleichzeitig verglichen statt anhand einzelner Marker.
- Unter den untersuchten Tieren befand sich auch das einzige bekannte Exemplar des später als Leopardus tilcayo beschriebenen Katers aus dem Wildtierschutzzentrum Senda Verde.
Ziel war es, die seit Jahrzehnten ungeklärte Taxonomie des Komplexes klarer zu machen und damit eine belastbare Grundlage für die Schutzbewertung dieser bedrohten Wildkatzen zu schaffen.
Ergebnisse der Studie
- Die südamerikanischen Tigerkatzen lassen sich genetisch in fünf eigenständige Arten unterteilen, obwohl sie sich äußerlich teils ähneln.
- Eine dieser Arten war bislang unbeschrieben: Leopardus tilcayo. Ihre Linie trennte sich den Analysen zufolge vor rund 1,4 Millionen Jahren von den übrigen Tigerkatzen-Arten.
- Zusätzlich beschreibt die Studie eine neue Unterart: Leopardus tigrinus antisuyo aus den peruanischen Yungas.
- Der Tilcayo misst etwa 46 Zentimeter in der Länge, wiegt rund 1,4 Kilogramm und ist damit kleiner als eine durchschnittliche Hauskatze. Sein hellbraunes Fell ist mit unregelmäßigen Rosetten gezeichnet, dazu kommen ein kompaktes Gesicht, kurze runde Ohren und lange Schnurrhaare.
- Erste Hinweise zur Lebensweise, laut Medienberichten zur Studie: Kotproben enthielten Überreste kleiner Nagetiere, Fotofallen-Aufnahmen deuten auf eine vorwiegend nächtliche Aktivität hin.
- Der bekannte Lebensraum liegt in den Yungas, den Bergnebelwäldern an der Ostflanke der bolivianischen Anden. Genaue Verbreitung, Fortpflanzung und Sozialverhalten sind bislang nicht untersucht.
- Die Analysen liefern zudem neue Erkenntnisse zur Verbreitungsgeschichte, zu früheren genetischen Vermischungen zwischen den Linien und zur Entwicklung der genetischen Vielfalt über die Zeit.
- Es ist die erste formelle Beschreibung einer neuen lebenden Katzenart seit über hundert Jahren.
Fazit
Dass sich unter einer scheinbar längst bekannten Tiergruppe eine ganz neue Art verbirgt, zeigt, wie lückenhaft das Wissen über wildlebende Katzen teilweise noch ist und das selbst innerhalb einer Familie, die zu den am besten untersuchten Säugetiergruppen zählt. Zum Tilcayo selbst liegen bislang nur wenige gesicherte Beobachtungen vor: Die Angaben zu Ernährung und Aktivitätsmuster stammen aus einer einzelnen Feldstudie, umfassendere Daten zu Bestandsgröße, Fortpflanzung oder Sozialverhalten fehlen bislang.
Gleichzeitig herrscht Zeitdruck: Der Lebensraum in den Yungas ist durch Abholzung, Landwirtschaft, Brände und Bergbau bedroht.
Die neue Taxonomie kann hier als Grundlage für eine belastbare Schutzbewertung der einzelnen Tigerkatzen-Arten dienen. Denn bislang wurden sie oft gemeinsam und damit möglicherweise zu undifferenziert eingestuft. Erst wenn jede Art und Unterart einzeln betrachtet wird, lässt sich ein tatsächlicher Schutzbedarf realistisch einschätzen.
Referenz
Lescroart, J., Nogales-Ascarrunz, P. et al. (2026): Phylogenomics and museomics reveal five distinct species of tiger cats in South America. Current Biology, 36. DOI: 10.1016/j.cub.2026.08.059

In a Nutshell / Zusammenfassung
- Was wurde untersucht?
Die genetische Vielfalt innerhalb der südamerikanischen Tigerkatzen (Gattung Leopardus), die lange als eine Art mit mehreren Unterarten galten.
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Wie wurde geforscht?
Anhand einer phylogenomischen Analyse von 38 Katzen aus mehreren südamerikanischen Ländern, ergänzt durch Museumsexemplare (Museomik). -
Was kam heraus?
Die Tigerkatzen lassen sich in fünf eigenständige Arten unterteilen – darunter die neu beschriebene Leopardus tilcayo aus Boliviens Yungas-Wäldern, deren Linie sich vor rund 1,4 Millionen Jahren abspaltete. Zudem beschreibt die Studie mit Leopardus tigrinus antisuyo eine neue Unterart aus den peruanischen Yungas. -
Warum ist das relevant?
Es ist die erste formelle Beschreibung einer neuen lebenden Katzenart seit über hundert Jahren – und ein Hinweis darauf, wie viel über wildlebende Katzen weiterhin unbekannt ist, während ihr Lebensraum bereits unter Druck steht.
